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Die Rolle der Religion in Francis Ford Coppolas »The Conversation«


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
24. September 2007
18:46 Uhr
 
2 kommentare

 

 

Elementare Kennzeichen der Filme des »New Hollywood« sind deren gesellschaftskritische Haltung und der Bruch mit damaligen filmischen Konventionen. Die Hinterfragung traditioneller Werte, wie etwa die der Religion in Coppolas »The Conversation« {1974 / dt. »Der Dialog«}, kann für »New-Hollywood-Filme« als typisch betrachtet werden.

Die Hauptfigur Harry Caul (Gene Hackman), ein Abhörspezialist, führt ein einsames Leben ohne soziale Bindungen. Seine karg ausgestattete Wohnung enthält kaum persönliche Dinge: »I don‘t have anything personal, nothing of value, nothing personal exept my keys«. Bezeichnenderweise ist der Abhörspezialist selbst paranoid und fürchtet um seine privaten Informationen, die er auch gegenständlich, mit drei Türschlössern, schützt. Trotz seiner Einsamkeit ist seine Wohnung mit einem Christbaum und einem Krippenspiel geschmückt – ein erster Hinweis auf Harry Cauls Gläubigkeit. Die herausragende Rolle der Religion in Cauls Leben zeigt sich in vielen weiteren Szenen:
Während der Aufarbeitung von Abhör-Aufnahmen benutzt Cauls Kollege Stan in einer Unterhaltung die Worte »Jesus!« und »…, for Christ‘s sake!«. Harry Caul bittet seinen Mitarbeiter daraufhin zweimal dies zu unterlassen: »Don‘t say that!« und »Stan – don‘t say that again, please. Don‘t use that word in vain, that bothers me.« Der Wert der Religion für Harry Caul ist eine der wenigen Informationen, die der Zuschauer über dessen Privatleben erfährt. Um so wichtiger ist die Position der Religion für Harry Caul einzuschätzen.

Mit fortschreitender Handlung verändert sich jedoch diese uneingeschränkte Stellung. Nachdem Harry Caul die Aussage des Paares, »He‘d kill us, if he‘d got the chance«, entschlüsselt hat, begibt er sich in die Kirche um zu beichten. Im Beichtstuhl äußert er seine Angst, dem Paar könne etwas passieren. Schon einmal seien durch seine Arbeit Menschen zu Schaden gekommen – er könne jedoch nichts dafür. Eine erste Differenz zwischen Harrys Glauben und Harrys Handeln tut sich auf: Entweder fühlt er sich schuldig, dass durch seine Arbeit Menschen getötet wurden – oder er ist tatsächlich unschuldig, dann hätte er aber keinen Anlass zur Beichte.
Der Beichtstuhl ist für Harry Caul der einzige Ort, an dem er freiwillig private Informationen über sich preis gibt – er fühlt sich durch die Religion geschützt. Das dieser Schutz trügerisch sein kann wird dem Zuschauern näher gebracht, indem die Kamera die Schärfe auf das Ohr des Priesters verlegt. Harrys Privatsphäre wird »abgehört«.
Zudem erfolgt keine mündliche Kommunikation mit dem Priester, die Person auf der Gegenseite des Beichtstuhls bleibt stumm: Man kann die Anwesenheit eines Priesters oder gar der Religion in Frage stellen.

Erst später im Film wird Harry Caul bewusst, dass er indirekt mit seiner vergangenen Arbeit drei Menschen getötet hat. »Oh God, what have I done? Oh God!«. Der Ausruf »Oh God« weist auf das Gewicht seiner gewonnenen Erkenntnis hin – Harry benutzt diese Worte nie als leere Floskel oder als Fluch. Er fasst den verhängnisvollen Beschluss: »I won‘t let this happen again« und verrennt sich in seiner gestörten Wahrnehmung, der Angst um das Paar.
In seinem darauf folgenden Traum begegnet er der Frau und gesteht ihr: »I‘m not afraid of death, I‘m afraid of murder«, ein Hinweis auf den weiteren Verlauf der Handlung, der mit seiner Religiösität einhergeht. Nach den Zehn Geboten im Christentum ist es verboten zu morden, der Tod wird jedoch als Erlösung angesehen.

Als es zum Mord kommt, gerät Harry Cauls Privatleben endgültig aus den Fugen. Der Mord geschah nicht wie von ihm vermutet an dem Paar, sondern das Paar waren die Mörder. Durch diesen Fehler Harry Cauls, der falschen Interpretation des Satzes »He‘d kill us, if he got the chance«, wurde erneut ein Mensch getötet. Harry Caul flüchtet sich in seine Privatspähre, doch seine Wohnung wird anscheinend abgehört.
Der Abhörspezialist sucht dort nach Wanzen, findet jedoch selbst nach kompletter Überprüfung seiner Wohnung nichts. Der letzte Gegenstand, in dem sich eine Wanze verbergen könnte, ist eine Plastikmadonna. Harry Caul betrachtet diese kurz und nach einem kurzen Zögern entscheidet er sich die Figur zunächst mit der Faust, und anschließend mit einem technischen Gerät zu zerstören um sie zu öffnen. Doch die Figur ist leer. Die Besonderheit der Figur wird zudem durch die Einstellung gefördert – die Kamera erhöht die Madonna durch einen Schuss von leicht unterhalb.

Für Harry Caul bedeutete die Zerstörung der Madonna, dem Symbol der Unschuld, den Verlust seiner vormals höchsten Werte – den Verlust seiner Persönlichkeit verbunden mit seinem Glauben und seiner Moral. Harry Caul sitzt geknickt im Eck seiner völlig zerstörten Wohnung, die Kamera überwacht ihn weiterhin.

»Die Zerstörung der Plastikmadonna […] kennzeichnet eine Grenzüberschreitung mit der Caul in einer Entladung angestauter Aggressionen die Grundfesten seiner tiefsten Überzeugung erschüttert.«1
Über die gesamte Handlung hinweg steht Harry Cauls Arbeit mit seiner Persönlichkeit und Glauben im Gegensatz. Während er in der Religion die Moral sucht, ist er in seiner Arbeit morallos und berechnend. Während er mit seiner Arbeit andere ausspioniert, hat er persönlich Angst ausspioniert zu werden. »His wish to adhere to traditional moral principles, however, stands in blatant contrast to his suspicion that his work might be involved in essential immoral activities.«2

Meredith fasst die Erwartungen an Harry Caul zusammen: »Your not supposed to feel […] you‘re just supposed to do it«. Aber diese Widersprüche kann Harry nicht vereinen. Letzten Endes, als er erkannt hat, dass er mit seiner Arbeit anderen Menschen schadet und gegen seine traditionellen christlichen Werte handelt, treiben ihn die Widersprüche zu seinem selbstzerstörerischen Akt, in dem er auch seine moralischen Werte, seine Glaubensrelikte zerstört.

Folgt man Brenda Austin-Smith3 ist es Harry Cauls eigenes Gewissen, das den Abhörspezialisten über die ganze Zeit hinweg beobachtet – das er letzten Endes nicht übergehen oder ausschalten kann.

Quellen:
1 Naziri, Gérard (2003): Paranoia im amerikanischen Kino, S. 105
2 Patzig, Johannes (2007): Crisis of Americanism in Hollywood‘s Paranoia Films of the 1970s, S. 42
3 Austin-Smith, Brenda (2001): The Conversation

 

 

John Ford: The Searchers – Ein klassischer Western?


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
24. September 2007
18:36 Uhr
 
1 kommentar

 

 

»Der Western muss also etwas anderes sein als seine Form. Galoppierende Pferde, Schlägereien, starke, mutige Männer in einer wilden und kargen Landschaft genügen nicht, um den Zauber des Genres zu erklären.«1 Der Form nach ist »The Searchers« folglich auf jeden Fall ein Western, da er alle von André Bazin aufgezählten Aspekte aufweist. Doch wichtige inhaltliche Elemente, die einen klassischen Western auszeichnen fehlen in »The Searchers«.

Will Wright stellt in seinem Buch »Sixguns & Society« 16 Punkte auf, die einen klassischen Western-Plot auszeichnen. Er fasst diese kurz zusammen: »All Westerns are alike. It is the story of the lone stranger who rides into a troubled town and cleans it up, winning the respect of the townsfolk and the love of the schoolmarm.«2 Bezieht man diesen stark reduzierten Satz auf »The Searchers«, so merkt man auf den ersten Blick, dass dieser Film in vielen Fällen von den Genreregeln eines klassischen Westerns abweicht.

Bereits die zweite Regel, die Wright aufstellt deckt sich nicht mit der Handlung von »The Searchers«: »2. The hero is unknown to the society«3. Die Hauptfigur Ethan trifft auf die Familie seines Bruders. Schon aus der Ferne wird er erkannt: »That‘s your uncle Ethan!« und anschließend herzlich begrüßt: »Welcome home, Ethan«. Auch viele andere Charaktere, wie etwa der Reverend und Captain Samuel Clayton oder Mose Harper, kennen Ethan bereits.

Auch die fünfte Regel »The society does not completely accept the hero«4 trifft nicht zu. Eher im Gegenteil – anfangs wird Ethan von allen herzlich empfangen und in die Gruppe des Captains aufgenommen. Mit fortschreitender Handlung verliert er jedoch zunehmend das Vertrauen seiner Mitstreiter. Die Gruppe um den Captain und Ethan löst sich auf, am Ende muss Ethan sogar seinen Revolver abgeben, da er per Haftbefehl gesucht wird. In einem klassischen Western ist der Verlauf konträr – der Held gewinnt das Vertrauen der Gesellschaft. Es stellt sich die Frage ob man Ethan als »Held« bezeichnen kann. Der typische Held hat einen Ehrenkodex, der von der Gesellschaft geteilt wird. Ethans Handlungen sind jedoch alles andere als ehrenhaft und werden von der Gesellschaft – meist vertreten durch Martin Pawley – abgelehnt. Etwa als Ethan wahllos und anscheinend im Blutrausch unzählige Büffel schießt. Seine Begründung, »at least they won‘t feed any Comanches this winter«, zeigt sein wahres Motiv auf, weshalb er sich auf die Suche nach den vermissten Mädchen Debbie und Lucy macht – er hasst Comanchen. Auch seine Vergangenheit ist nicht die eines Helden. Dass er frischgeprägte Münzen bei sich trägt, macht den Captain stutzig. Niemand weiß wo er sich die letzen zwei Jahre aufgehalten hat. Der Captain fragt ihn »Are you wanted for a crime?«, doch Ethan gibt keine Auskunft.

Anzumerken ist noch, dass John Ford die Männer nie als Helden zeigt. In den zwei Szenen, in denen die Männer das Haus der Edwards verlassen um sich auf die Suche nach den Comanchen zu begeben, reitet die Gruppe immer nach links aus dem Bild. Hätte der Regisseur diese Jagd als einen heldenhaften Aufbruch darstellen wollen, hätte er eine andere Bildsymbolik gewählt – die Männer wären nach rechts von der Ranch weggeritten.

Der Punkt 7 »The villains are stronger than the society; the society is weak«5 trifft auch nicht uneingeschränkt zu. Die Bedrohung durch die Comanches endet, da diese weiterziehen. Ethan hat zudem keine besondere Fähigkeit, die der Gesellschaft helfen würde, die Gruppe der Männer hätte eventuell auch ohne Ethan die Anwohner beschützen können. Und schließlich ist auch noch die Kavallerie anwesend. Ob die Comanchen also stärker sind kann nicht geklärt werden.

Die größte Differenz zeigt sich im Punkt 8: »There is a strong friendship or respect between the hero and a villain«6. Wie bereits erwähnt hasst Ethan die Comanches, er nimmt auf der Suche nach den entführten Mädchen nur Teil, um seinen Hass auszuleben, um zu rächen. Für Ethan sind Comanches keine Menschen: »A human rides a horse until it dies […] a comanche rides him 20 more miles and then he eats him.« Auf der Suche schießt er einem bereits toten Indianer in beide Augen, mit der Begründung, dass dieser nun im Tod keine Ruhe fände. In einer anderen Szene schießt Ethan, obwohl er von seinen Begleitern gebeten wird das Feuer einzustellen, weiterhin auf die Indianer, während diese versuchen ihre Toten zu bergen. Die Gruppe der suchenden Männer löst sich schließlich auf – sie sehen keine Chance mehr Debbie und Lucy zu finden. Ethan gibt jedoch nicht auf. Martin Pawley begleitet ihn: »I‘ve seen his eyes at the very word ‚Comanche‘ […] he‘s a man that can go crazy wild!«. Martin hat Ethans Hass erkannt und agiert als Aufpasser, als moralischer Held.

Die Beschreibung eines Western-Helden passt unter vielen Aspekten besser auf Martin. Er hat »ehrenhafte Ziele« – die Befreiung der Mädchen, er erkämpft sich den Respekt der Gesellschaft und die Liebe von Laurie Jorgensen.

Ethans Hass auf Indianer geht sogar so weit, dass er das gesuchte Mädchen Debbie erschießen will, als er entdeckt hat, dass sie durch den jahrelangen Kontakt mit den Comanchen ein Teil deren Gesellschaft geworden ist. Debbie möchte bei den Comanchen bleiben – Ethan richtet seine Waffe auf ihren Kopf, nur Martin kann sie schließlich noch retten.

Der neunte Punkt eines klassischen Westerns lautet: »The villains threaten the society«7. Dies mag im Angriff auf die Familie Edwards noch der Fall gewesen sein, Chief Scar begründet diesen Angriff damit, dass vorher zwei seiner Brüder von Weißen getötet worden seien. In der späteren Handlung ist die Gesellschaft nicht mehr durch die Comanchen bedroht, sie sind weiter gezogen. Die geplante Hochzeit von Laurie Jorgensen findet ohne Anzeichen von Bedrohung, ohne Furcht statt. Will Wrights zwölfer Punkt »The hero fights the villains«8 endet nicht in einem für Western klassischen Duell oder einem Shootout. Die Befreiung erfolgt mit Hilfe der Kavallerie, der »Bösewicht« Chief Scar ist bereits tot als Ethan dessen Zelt erreicht. Ethan kann es trotzdem nicht lassen sich zu rächen und schneidet ihm seinen Skalp ab.

Letzten Endes kann man sagen, dass es sich bei »The Searchers« mit Sicherheit nicht um einen klassischen Western handelt, da er in den meisten von Will Wright geforderten Punkten abweicht. Man kann diesen Film aber wohl als eine Weiterentwicklung des klassischen Westerns betrachten. Die Hauptfigur ist alles andere als ein Held – es gibt kein Gut und Böse.

Quellen:
1 Bazin, André (2004): Was ist Film, Seite 257
2 Wright, Will (1975): Sixguns & Society: A Structural Study of the Western, Seite 32
3 ebenda, Seite 41
4 ebenda, Seite 44
5 ebenda, Seite 45
6 ebenda, Seite 45
7 ebenda, Seite 46
8 ebenda, Seite 46

 

 

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