film & tv rezensionen und empfehlungen 24/7

Ein Nachruf auf eine Leinwand-Figur


 
ein beitrag von Michael P. Wagenhaeuser
 
12. Dezember 2008
15:00 Uhr
 
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007 ist tot. Verantwortlich ist keiner dieser fiesen Schurken wie Dr. Julius No, Ernst Blofeld, oder Francisco Scaramanga, denen man diesen Erfolg nach all den Jahrzehnten mal gönnen würde, sondern Schuld sind die Filmemacher des aktuellen Streifens »Ein Quantum Trost«.

Damals, 1964 in Goldfinger, als Sean Connery zu Beginn aus dem Wasser auftaucht, locker und zielgerichtet eins/zwei Handlanger niederstreckt, einen Sprengsatz in einer Fabrik platziert und anschließend top gestylt im Smoking auf einer Party auftaucht um mit einer hübschen Frau zu flirten – da war die Welt noch in Ordnung.

»Ein Quantum Trost« hingegen beginnt mit einer dieser ›aufregenden‹ Wackelkamera-Szenen und auch der Rest des Films ähnelt mit seinen aneinander gereihten Actionszenen eher einem typischen Hollywood-Werk wie »Die Bourne Identität«, als einem James-Bond-Film.

Wir trauern um einen souveränen Agenten, der über den Dingen stand, der immer Zeit für einen geschüttelten Wodka-Martini hatte und sich mit seinen Hightech-Gadgets seinen Weg freischlug. Einem charmanten Sonnyboy, der während er die Welt vor geisteskranken Bösewichten rettete, noch ein paar Frauen verführte.

Was in »Ein Quantum Trost« bleibt ist der personifizierte Zweifel in Form von Daniel Craig. Seine Rolle ist muskelbepackt, schnell und verletzlich. »You look like Hell«, sagt M, »realistischer und menschlicher« nennen es die Macher.

So kann man an der aktuellen Entwicklung der Bond-Filme die zwei Pole des Kinos erkennen: Traum und »Realität«. Ich wünsche mir wieder den »unrealistischen« Bond zurück, der mich für ein paar Stunden in seine Welt entführt. Vielleicht besteht noch ein funken Hoffnung.

 

 

Filmkritik: Waltz With Bashir


 
ein beitrag von fabian a. böttner
 
11. November 2008
01:10 Uhr
 
1 kommentar

 

 

Gespenstisch goldgelb blicken 26 Augenpaare dämonengleich aus nachtschwarzen und kalt grauen Hundekörpern. Verwischend impressionistische Wiesen ziehen sich als pastellene Hintergründe. Gespenstisch goldgelbe Körper tauchen aus nachtschwarzem, träge liegendem Meer. Expressionistisch schwarze Kanten zeichnen Charakteterlinien in Gesichter. Gespenstisch goldgelbes Zwielicht gleitet den nachtschwarzen Himmel hinab, verglüht, lässt dunkles, nacktes Firmament zurück.

In surrealen bewegten Gemälden komponiert Ari Folman seine persönliche Aufarbeitung des Libanonkrieges. Ein Ereignis, das bei ihm weder seelische Spuren noch Erinnerungen hinterlassen hat. Oder ist genau dieses nicht Vorhandensein die Spur? Erst der Traum seines Waffenbruders Boaz Reins schneidet Risse in Folmans Mauer des Verdrängens. Es sind die 26 Hunde, die ihn Nacht für Nacht heimsuchen, deren goldgelbe Augenfarbe eigentlich ein sanfter warmer Ton ist, durch ihren Einsatz und Platzierung im Film aber Kälte, Ferne und Verdrängung nahezu greifbar machen. Die Farbe ist traumhaft schön. Von diesem Traum ausgehend schafft es Folman in Gesprächen mit ehemaligen Weggefährten, sich die Geschehnisse und seine Rolle darin ins Gedächtnis zu rufen. Dabei stützt er sich nur auf Träume und Erinnerungen und es ist sicher kein Zufall, dass sein Film durch seine Surrealität etwas durch und durch Traumhaftes hat. Spätestens mit den letzten Bildern jedoch, Originalaufnahmen aus Sabra und Shatila, trifft die Realität der gezeigten Ereignisse den Zuschauer mit einer Intensität, die einem noch Minuten nach dem Erlöschen des letzten Lichtes auf der Leinwand in Stille und Bedrücktheit an das eben gesehene denken lässt. Eine Bedrücktheit, die wohl auch Folman selbst erlebt haben muss. Denn mit zunehmender Klarheit erinnert er sich, dass das gespenstisch goldgelbe Licht, was sich durch den Film und somit durch die Erinnerungen zieht, von ihm selbst produziert worden ist. Es rührt nämlich von den Leuchtraketen, die er und seine Kameraden über den Lagern abschossen, um den mordenden Milizen die Nacht zu erhellen. Aus kleinen goldgelben Funken in 26 Augenpaaren zu dem Meer entsteigenden Körpern hin zu goldgelber Nacht kristallisiert sich Folmans Erinnerung. Und mit dem Erlöschen des Zwielichts ist sie komplett.

Der Film bietet keine Erklärung der Schrecken des Krieges oder eine politische Stellungnahme. Er ist die Sicht und Aufarbeitung eines traumatisierten israelischen Soldaten. Eines Soldaten, der nicht Schuldige finden oder anklagen will. Er ist die mahnende Bewältigung einer Vergangenheit, ein erhabenes Stück Geschichte, welches in seiner Machart das traumhafte der Erinnerungen, aus denen es besteht, wunderbar aufgreift. All das – und das macht ihn so herausragend – weiß der Film von Beginn an, denn einer der ersten Sätze, die Boaz Reins zu Folman sagt, ist: ‘Du machst doch Filme. Das ist doch was therapeutisches.’

 

 

Kinoheft #4: Filmkritiken zur Berlinale 2008


 
ein beitrag von Michael P. Wagenhaeuser
 
20. Oktober 2008
18:24 Uhr
 
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filmkritiken der bauhaus-universität weimar

Das ›Filmkritik-Seminar‹ der Bauhaus-Universität Weimar veröffentlicht jährlich ein Heft mit gesammelten Filmkritiken zur Berlinale. Die diesjährige Ausgabe ›Kinoheft #4‹ gibt es hier als PDF oder für 2 Euro in gedruckter Form.

Besprochene Filme:
Shine a Light, Rusalka, A Jihad for Love, Am Ende kommen Touristen, CSNY – Déjà Vu, Musta Jää / Black Ice, Free Rainer, Chiko, Robin, Patti Smith – Dream of Life, Coupable, RR, Regarde-Moi, Be Like Others, Das Herz ist ein dunkler Wald, Tropa de Elite, Nirvana, Megane, Lady Jane, La Rabia, Tote Schwule – lebende Lesben, Transsiberian, Die Schwester der Königin, Hanami – Kirschblüten;

 

 

Filmkritik: Der Baader Meinhof Komplex


 
ein beitrag von Susanne X. Wagner
 
10. Oktober 2008
15:05 Uhr
 
31 kommentare

 

 

In den ersten und den letzten Szenen des Films gibt es idyllische Bilder. Zu Beginn zwei Mädchen, die in der Nordsee planschen, während ihre Mutter im Strandkorb liest. Zum Schluss ein herbstlich belaubter Wald in Goldtönen. Was dazwischen passiert kann ich nicht beschreiben, weil hier keine Geschichte erzählt wird. Stattdessen reiht der Film in chronologischer Reihenfolge Situationen und Ereignisse aneinander, die sich zwischen 1968 und 1977 in Deutschland, dem Irak, in Somalia und anderen Ländern der Welt zugetragen haben oder so zugetragen haben mögen. Ulrike Meinhof mit ihren Kindern am Strand. Der ‚Polizeistaatsbesuch’ des Schahs. Gudrun Ensslin in einem Streitgespräch mit ihrem Vater über den „imperialistischen Expansionskrieg der USA in Vietnam“. Ein brennendes Kaufhaus. Baader und Ensslin vor Gericht. Die erste Befreiungsaktion. Die ersten Toten. Flugschriften. Die Banküberfälle. Die nackten, fliehenden Kinder in Vietnam. Die Anschläge auf amerikanische Militärbasen. Körper, die vor Kugeleinschlägen erzittern.

Es folgt Bild auf Bild, Aktion auf Aktion, Diskussion auf Diskussion und es gibt nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Bild, keine Szene die als Aufhänger dienen, an der man festmachen könnte: An dieser einen, zentralen Stelle zeigt der Film verdichtet das, was er zeigen will. So etwas wie ein zentrales Bild gibt es im Baader-Meinhof Komplex nicht, der Film konzentriert sich auf nichts. Stattdessen zeigt er so viel, dass ich nach der letzten Einstellung (der Kopf des erschossenen Hans Martin Schleyer sinkt auf den belaubten Waldboden) sprachlos das Kino verlasse und erst mal versuchen muss all die Bilder in meinem Kopf zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen.

Die Kamera bewegt sich oft mit den Terroristen durch die Räume, schwenkt über den Flur zu einer Tür und betritt mit ihnen ein Zimmer. Sie bleibt auch einmal am Türrahmen stehen, fast so als halte sie Wache, während eine Terroristen die Bombe hinter einem Regal versteckt. Die Kamera nimmt mich als Betrachter immer mit. Sie schiebt mich mitten hinein in die Unruhen zwischen den Studenten und den Anhängern des Schahs, ganz nach vorn, in Reichweite der Wasserwerfer. Ich werde zum Mitwisser, als der erste Brandanschlag geplant wird. Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens beobachte ich aus dem Fenster wie Andreas Baader ins Bein geschossen und wie er verhaftet wird. Ich stehe auch hinter Ponto, als er Brigitte Mohnhaupt die Tür seines Hauses öffnet, so wie ich mit den Wärtern die Zellentüren im Stammheimer Gefängnis öffne und die Leichen der Inhaftierten finde.

Nur zum Schluss hält die Kamera sich kurz fern. Während die Schüsse auf Schleyer zu hören sind, zeigt sie den goldenen Herbstwald. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass ich so haltlos durch diesen Film gerissen werde, wie wahrscheinlich auch die Deutschen in den siebziger Jahren durch den Terror der RAF Sicherheit und Orientierung verloren.
Aber dann erscheint der goldene Wald in der vorletzten Einstellung. Nach den vorangegangen zwei Stunden wirkt dieser natürlich überhaupt nicht idyllisch. Irgendwie stört diese Einstellung gewaltig, weil sie die Phrase vom „deutschen Herbst“ aufdrängt und diese Metaphorik unglaublich schwach und simpel wirkt im Vergleich zu sämtlichen Bildern, die der Film bis hier hin zeigte. So sticht dieses eine Bild doch heraus, aber nur, weil es dem Rest des Films nicht gerecht werden kann.

 

 

Filmkritik: Rusalka – Die Meerjungfrau


 
ein beitrag von knut s. spangenberg
 
2. Juli 2008
12:36 Uhr
 
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Russische Föderation 2007, Regie: Anna Melikian;

Vergnügt schwimmen die bunten Fische im Vorspann durch ihr Frottee-Aquarium, das den voluminösen Hintern einer Dame mittleren Alters bedeckt. Ein ungestümer One-Night-Stand in der Meeresbrandung, bei dem sich die Naturgewalten mit einschreiben in das Kind, welches vergeblich auf die Heimkehr des Vaters hoffen wird. Die kleine Meerjungfrau, das ist Alisa.

Die Fähigkeit der Wunscherfüllung ist ihr schon in die Wiege gelegt, aber erst auf der Sonderschule lernt sie, diese Gabe für sich nutzbar zu machen. Doch alles hat seinen Preis: Immer, wenn sie unvorsichtigerweise den eigenen Vorteil herbeisehnt, stürzt sie ihre Mitmenschen augenblicklich ins Unglück.

Nachdem ihr Heimatdorf von einem plötzlich auftretenden Orkan in Schutt und Asche gelegt wurde, macht sich Alisa auf in die große Stadt, um dort ihr Glück zu suchen. Moskau, eine dreckige, modrige Betonwüste. Hier konstruieren unzählige Werbeplakate eine Welt, in der alles möglich scheint – man muss es nur richtig wollen. Auf ihnen manifestieren sich Alisas Hoffnungen, die genauso die Hoffnungen jedes anderen Menschen sein könnten. Die Erfüllung aller Träume – jetzt mit 20 Prozent Rabatt! Hinter dieser schillernden Fassade lauert eine von Siechtum und Ignoranz geprägte Realität. Alisas kindlich-naive Imagination schützt das Mädchen Anfangs vor dieser feindlichen Umgebung. In ihrer Fantasie tanzen die Akteure vor pastellfarbenem Himmel fröhlich im Kreis. Traum, Erinnerung und Wirklichkeit, Innen und Außen. Mit spielerischer Leichtigkeit überlagern sich die verschiedenen Sphären und Eines geht im Anderen auf. Erst die Begegnung mit ihrem Traumprinzen bringt auch etwas Farbe in Alisas Alltag. Der hat aber keinerlei Verständnis für ihre mädchenhafte Schwärmerei. In seinem Leben bleibt Alisa nur eine eher lästige Randerscheinung.

Was kümmert es den Menschen, den man liebt, dass man ihn liebt? Was kümmert es den, der liebt, dass seine Zuneigung nicht erwidert wird? Bedingungslose Liebe, kurze Momente des Glücks, Selbstaufopferung, ein letzter Wunsch. Die Geschichte endet für Alisa tragisch. Doch sie tritt ein in die kurzlebige Unendlichkeit des Werbehimmels, an dessen Firmament ihr Bild nun überlebensgroß erstrahlt.

 

 

Filmkritik zu The Flicker – Tony Conrad, 1965 auf 16 mm


 
ein beitrag von knut s. spangenberg
 
27. Juni 2008
18:11 Uhr
 
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Gesehen auf dem Backup-Festival in Weimar (Einführung: Dr. Ute Holl)

Es erscheint eine Epilepsiewarnung, in der die Macher und Veranstalter alle Verantwortung für möglicherweise auftretende Folgeschäden von sich weisen. Dazu eine, wie mir scheint, betont harmlos und unverbindlich gestaltete Begleitmusik. Ein leicht mulmiges Gefühl setzt sich in meiner Magengegend fest. Ist das wirklich nur die Unsicherheit? Eigentlich reagiere ich nicht überempfindlich auf Stroboskopeffekte. Na ja, außer dieses eine Mal – unangenehme Erinnerungen kriechen wieder in mir hoch.

Dann fängt es an. Das Filmbild, eine weiße Fläche über die Artefakte hinwegtanzen. Pünktchen, Flecken und Kratzer lassen das Alter der Filmrolle erahnen. Da wird die gleißende Helligkeit für einen Sekundenbruchteil unterbrochen, oder war es nur mein eigener Lidschlag? Nein, da ist es wieder. Völlige Dunkelheit zerhackt den Lichtstrom immer häufiger, begleitet von einer Art oszillierendem Scheppern. Die Verhältnisse verschieben sich allmählich, Strahl wird zu Blitz. Synchron dazu ändert sich auch das Begleitgeräusch, oder ist es umgekehrt? Leitet diese Ansammlung sich überlagernder Sinuswellen das Licht an? Doch ich komme nicht mehr dazu, den Gedanken zu Ende zu führen.

Das Weiss pulsiert unablässig in den Zuschauerraum hinein. Dieses hochfrequente, gleißende Flackern hallt auf meiner Netzhaut wider, scheint mit seinem negativen Äquivalent zu interagieren – beides schaukelt sich gegenseitig hoch. Latente Flächen in Rot, Grün und Gelb machen partiellen Mustern platz, deren einzelne Elemente zwischen Kreis- und Rautenform changieren – und umgekehrt. Wenn sich die Frequenz ändert, folgen die optischen Erscheinungen nach. Es fällt mir zunehmend schwerer, das alles bewusst zu reflektieren und überhaupt habe ich gerade gar keine Lust darauf.

Die audiovisuellen Eindrücke ziehen mich vollends in ihren Bann. Meine Augen fixieren die Mitte dessen, was einmal die Leinwand war und fangen an zu brennen, weil ich immer öfter vergesse zu zwinkern.

Das mulmige Gefühl im Bauch ist schon längst einer angenehmen Wärme gewichen, dennoch ist dieses Seherlebnis alles andere als entspannend. Als würde man auf einem Musikfestival in unmittelbarer Nähe der Boxen feiern, mit dem Gesicht zu den Lautsprechern – es tut zwar weh, aber weggehen will man irgendwie auch nicht.

Nach einer halben Stunde bringt einen der Film wieder wohlbehalten dahin zurück, wo man herkam. Hui. Dieses Stück Zelluloid entledigt sich mit einem Schlag aller etablieren filmischen Konventionen. Reduziert auf seine essenziellen Elemente, schafft es Raum für die Wahrnehmung an sich, löst die eigentliche Leinwand auf und ist wiederum selbst Projektionsfläche für visuelle Eindrücke. Damit schafft es dieser Film auf einzigartige Weise, die illusorischen Qualitäten der eigenen optischen Wahrnehmung zu offenbaren. Er ermöglicht damit dem Zuschauer ein eigenes, ganz persönliches Sinneserlebnis – Kopfkino im besten Sinne.

Falls sich die seltene Gelegenheit bietet, dieses Machwerk im Kino zu erleben – unbedingt ansehen. Dazu ein Tipp der Dozentin, den ich hier auch weitergeben möchte: Möglichst unalkoholisiert rezipieren, dann schepperts mehr.

 

 

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