film & tv rezensionen und empfehlungen 24/7

Filmkritik: Free Rainer, Hans Weingartner, D/A 2007


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
3. Dezember 2007
16:25 Uhr
 
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Kritik am Fernseh-Konsumverhalten ist eine tolle Sache und auch das Aufzeigen des »moralischen Verfalls« und der zunehmenden Niveaulosigkeit des Fernsehens ist sicherlich angebracht. Aber bitte nicht auf diese Weise, Herr Weingartner.

Denn die gleiche Niveaulosigkeit, die Sie dem Fernsehen vorwerfen, unterstellen Sie uns, dem Publikum Ihres Films. Wir wissen schon, dass Fernsehen tendenziell eher verblödet als bildet. Wir können sogar, trotz jahrelanger fernsehbedingter geistiger Degenerierung, der Handlung Ihres Films leicht folgen. Es ist wäre also nicht nötig gewesen alle paar Minuten für uns zu wiederholen, wie böse doch diese reichen drogenkonsumierenden TV-Yuppys und wie gut die alkoholkranken Arbeitslosen sind. Gut und Böse, Schwarzweißmalerei.

Die von Ihnen beklagte Bloßstellung von Menschen im TV, in der fiktiven Show »Hol’ dir das Superbaby«, ist auch Ihrem Film nicht unbekannt. Bei Ihnen werden Christen als weltfremde Spinner dargestellt und verwirrte Ausländer belächelt. Sicherlich mit einem Augenzwinkern, aber doch auf einer ähnlichen Art und Weise.

Sie sind ein Weltverbesserer und scheinen zu wissen, wo die Wurzel allen Übels liegt. Schön. Doch Ihre verbissene antikapitalistische Phrasendrescherei macht den Film unerträglich: Proletarier aller Länder vereinigt euch, stellt eure Bierflasche auf den Couchtisch, erhebt euch und kämpft gemeinsam gegen die Ungerechtigkeit. Scheut euch dabei nicht illegale Mittel anzuwenden, denn Staat und Wirtschaft sind sowieso gegen euch. Wenn ihr dann noch auf eurem spirituellen Selbstfindungsweg aufhört zu koksen, ist euch die Liebe einer hübschen Frau schon in der nächsten Sekunde gewiss.

Eine sehr einfache und einseitige Sichtweise, die leider keinen seriösen Weg aus der Misere vorschlägt. Schade. Ich hätte mir einen Lösungsansatz gewünscht. »Free Rainer« ist auch nur Opium für das Volk, die Revolution bleibt vorerst aus.

Free Rainer, dein Fernseher lügt, D/A 2007; Produzent, Drehbuch und Regie: Hans Weingartner;

 

 

Filmkritik: American Gangster, Ridley Scott, USA 2007


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
26. November 2007
15:45 Uhr
 
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Man nehme 100 Millionen US-Dollar, einen Oscar-Regisseur, zwei Oscar prämierte Darsteller und etwas Fleisch (in Form von cirka 15 nackten Damen). Dazu gebe man korrupte Polizisten (die eklige Sorte), ein paar zwielichtige amerikanische Gangster (anschließend vielleicht im Filmtitel erwähnen?), eine moralische Instanz (durch Oma-ähnlichen Charakter) und, wie immer, einen Spritzer amerikanischen Pathos (Marke George Bush).
Nun nach Belieben abschmecken, am besten mit einer Prise Heroin (gerne auch mehrere Kilo), fetziger Musik und etlichen Waffen (nicht zu knapp). Anschließend locker vermengen – nicht zu sehr, sonst verliert der durchschnittliche Zuschauer den Faden – und nach 157 Minuten haben Sie ein ordentlich unterhaltendes Hollywood-Action-Drama.

Zur Verfeinerung sollten sich die beiden Helden anfangs diametral gegenüber stehen. Um diese Differenz für den Zuschauer zu verdeutlichen wird vorgeschlagen, Szenen mit dem beliebten schwarzen Drogenboss und dem einsamen, von Aktenordnern und nervigen Telefonen umringten Polizisten möglichst oft abzuwechseln.

Ein kurzweiliger Kinoabend ist garantiert. Bon Appetit.

 

 

Filmkritik: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
19. November 2007
23:33 Uhr
 
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Keine Helden, kein Showdown, aber ein Western.

Durch ein Fenster brechen die Sonnenstrahlen in ein warmes Zimmer. Ein stattlicher Mann sitzt in einem Schaukelstuhl und raucht genüsslich seine Zigarre. Kind und Frau sind anwesend – heile Welt.

Männer sitzen im sonnendurchfluteten Wald und essen Eintopf. Ihr Anführer, ein stattlicher Mann, der seine bisherigen 17 Morde nicht bereut, blinzelt.

In der Dunkelheit trifft die Bande die letzten Vorbereitungen für einen Zugüberfall. Als der Zug herandonnert, blendet das Licht der Scheinwerfer. Dampf steigt auf und im gleißenden Gegenlicht erscheint die Silhouette des Anführers Jesse James. Sein nächtliches Ich ist skrupellos: Er verprügelt einen Zug-Angestellten, bis dieser regungslos am Boden liegt.

Jesse James ist so gespalten wie Licht und Schatten und doch kann das Eine ohne dem Anderen nicht sein. Jesse James ist kein Stereotyp, er ist Gut und Böse, er ist Mensch.

Zu wissen, wovon der Film handelt und welchen Verlauf dieser nimmt, ist keine Kunst: »Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford«. Der »Verlust« des klassischen Spannungsbogens verstärkt andere Qualitäten: Zum einen der größere Einfluss der einzelnen Charaktere und zum anderen die Suspense: »Wann stirbt Jesse James endlich!?«
Der Film ist kein klassischer Western, bei dem der strahlende Held natürlich das Shootout gewinnt und »das Böse« aus der Stadt treibt. Es gibt keinen romantischen Ritt in den Sonnenuntergang, sondern Winter. Keine Tresenschlägereien, sondern Tränen. Keine Helden, sondern Getriebene.

 

 

Filmkritik: Immer nie am Meer, Antonin Svoboda, Österreich 2007


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
5. November 2007
21:59 Uhr
 
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Aufgrund einer hippen, mit blinkenden Lichtern, Schweißbändern und MP3-Player ausgestatteten Nacht-Geherin landet ein Auto mit drei Männern im Straßengraben. Ohne Möglichkeit sich selbst zu befreien, harren sie mit Sekt und Heringssalat in ihrer Limousine aus und warten auf Rettung. Die Stunden vergehen, die Tage vergehen, doch, wie die Filmmusik von Element of Crime vorwegnimmt, »die Kavallerie kommt heut’ nicht mehr«.

Die Situation ist grotesk: Zwei Österreicher sind mit einem dieser unwitzigen deutschen »Comedians« in einem gründlich gepanzerten deutschen Auto gefangen. In diesem Biotop werden diverse gesellschaftliche Absurditäten satirisch verarbeitet. Von peinlichen und zugleich belanglosen Sexgeständnissen, über Mitmach-Po-Training aus dem Radio, bis hin zum psychopathischen Jugend-Forscht-Teilnehmer Toni, der die Verunglückten als Versuchsobjekte vereinnahmt. Leicht und locker entsteht so ein wunderbar kurzweiliger Film, der lange Zeit von der lebensbedrohlichen Situation ablenkt und diese gegen Ende gefällig verarbeitet.

Einziger Wehrmutstropfen ist, dass mit Heinz Strunk, Christoph Grissemann und Dirk Stermann zwar bewährte Satiriker, aber keine Filmprofis am Werk waren. Das Trio schrieb am Drehbuch mit und übernahm zudem die drei Hauptrollen. Den Dialogen ist oft anzumerken, dass sie von Buch-Autoren stammen, beispielsweise als sich die beiden Österreicher im neu gekauften Auto über dasselbe unterhalten. Generell ist der Film eher Buch. Die filmischen Mittel wie Montage und Ton unterstützen den Film zu selten. Die Enge im Auto ist, gewollt oder nicht, kaum spürbar. Zu selten, beispielsweise als Toni die Insassen mit lauter Musik traktiert, nutzt der Film all seine Möglichkeiten aus.

Was ich aus diesem Film mitnehme? Ein Lächeln, viel Hass gegen Jugend-Forscht-Kinder und den Vorsatz mehr Bücher von Strunk, Stermann und Grissemann zu lesen.

 

 

Filmkritik: Halloween, Rob Zombie, USA 2007


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
29. Oktober 2007
16:32 Uhr
 
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Vergleicht man den Filmanfang von Halloween aus dem Jahr 1978 mit dem des aktuellen Remakes, offenbart sich bereits die grundsätzliche Differenz: Während der Low-Budget-Klassiker mit einer unendlich langen subjektiven Kamerafahrt besticht, die die Sicht des jungen Psychopathen Michael Myers einnimmt und in einer unheimlichen Art und Weise das Geschehen im nächtlichen Elternhaus aus nächster Nähe darstellt, findet man sich zu Beginn von Rob Zombies Remake umringt von brüllenden Freaks wieder: »Scheiße, Titten, Pimmellutscher, Schwuchtel, Schlampe.«

Starke Worte, die bezeichnend sind für die unsensible Vorgehensweise des Regisseurs. Statt eine subtile Grusel-Atmosphäre zu schaffen, die einen plötzlichen Schock um so stärker auf mich wirken lassen würde, ist Halloween 2007 permanent laut. Dabei zeigt die Kamera häufig zu viel, ohne wirklich zu erschrecken. Beispielsweise die Großaufnahme eines blutüberströmten Tieres: Diese Bilder begegnen uns täglich auf der Landstraße. Gerade das »nicht-zeigen« des Äußersten birgt aber die Möglichkeit Grusel zu erzeugen – die Bilder des Schreckens entstehen im Kopf des Zuschauers. Selbst die einzelnen Kampfszenen sind überraschend langweilig, jeder durchschnittliche Hollywood-Film verarbeitet das Zusammenspiel von Messer und Körper spannender.
Die Versuche die Handlung der Charaktere, beispielsweise durch plumpe Dialoge wie »Du hast seit 15 Jahren nicht mehr gesprochen«, zu motivieren, schlagen fehl. So stirbt Figur um Figur, ohne dass meine Gefühle berührt werden oder die Handlung vorangebracht wird. Es ist, als ob der Film ständig um ein und dasselbe Thema kreist: Man sieht die Brüste eines Cheerleaders – im Hintergrund taucht der Psychopath auf – das Mädchen entdeckt ihn, kreischt für eine gefühlte Minute – die Kamera wackelt und plötzlich fließt Blut.

Der Film ist weder Fisch noch Fleisch, weder ein spannender Grusel-Schocker, noch ein brutaler Splatter-Film. Die wenigen guten Einstellungen, wie eine schräge POV-Einstellung aus der Sicht des Opfers, oder die unglaublich brutal wirkende Szene des jungen Mike mit seinem Opfer im Wald können nicht über die schwache Gesamtleistung hinwegtäuschen. Dieser Film berührt mich nicht und kann allenfalls noch rülpsende Jugendliche begeistern, für die die Mischung aus Fäkalsprache, Rock’n Roll und Soft-Porno wie geschaffen scheint.

 

 

Filmkritik: Christian Petzold – Yella (D 2007)


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
23. Oktober 2007
23:07 Uhr
 
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Was ist Leben, was ist Traum, Tod und Film? Der Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold spielt in »Yella« mit der Vermischung dieser Elemente und verweigert dem Film eine klare Aussage.

Stattdessen werden Fragen aufgeworfen: Weshalb diese Überladung mit nach Aufmerksamkeit heischenden Zeichen? Die roten Kleider von Yella, die roten Autos ihrer (Ex-)Liebhaber, die kühlen blauen Hotelzimmer, die blauen Hemden der Private-Equity-Manager? Weshalb die konservative Paradigmenwahl? Im Osten die liebenswerte Heimat mit glatzigen Arbeitern, die in Häusern mit gemusterten Küchenkacheln wohnen, und im Westen die erfolgreichen Manager in leeren Büros, deren Lieblingsbeschäftigung es scheint, dem Gegenüber das Geld aus der Tasche lügen? Was wollen uns die immer wiederkehrenden Motive wie Wind, Krähen, Wasser und Fahrten mit Auto und Bahn sagen? Vielleicht dass sich Yella auf einer end- und hoffnungslosen Reise befindet, die gleichzeitig eine Flucht vor ihrer gescheiterten Liebe und die getriebene, naive Suche nach Erfolg und Geborgenheit ist? Vielleicht.

Sicher hingegen ist, dass Harun Farockis Dokumentarfilm »Nicht ohne Risiko« wie in einem Traum in Petzolds Film eingewoben wurde. In der Welt der Private-Equity-Manager agieren Yella und ihre neue Liebe Philipp mit schlafwandlerischer Sicherheit. Fachlich sind sie ein ideales Paar, privat hingegen nicht. Philipp unterscheidet sich von ihrer alten Liebe nur durch den momentanen finanziellen Erfolg. Die Beziehung und Yellas Leben scheinen täglich zu scheitern und wieder von neuem beginnen zu müssen, ohne Fortschritte zu machen.

Der Film endet in albtraumhaften Szenen und regt durch die Zeichenvielfalt und die offene Narration zum Nachdenken an. Über Leben, Traum, Tod und Film.

 

 

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