In den ersten und den letzten Szenen des Films gibt es idyllische Bilder. Zu Beginn zwei Mädchen, die in der Nordsee planschen, während ihre Mutter im Strandkorb liest. Zum Schluss ein herbstlich belaubter Wald in Goldtönen. Was dazwischen passiert kann ich nicht beschreiben, weil hier keine Geschichte erzählt wird. Stattdessen reiht der Film in chronologischer Reihenfolge Situationen und Ereignisse aneinander, die sich zwischen 1968 und 1977 in Deutschland, dem Irak, in Somalia und anderen Ländern der Welt zugetragen haben oder so zugetragen haben mögen. Ulrike Meinhof mit ihren Kindern am Strand. Der ‚Polizeistaatsbesuch’ des Schahs. Gudrun Ensslin in einem Streitgespräch mit ihrem Vater über den „imperialistischen Expansionskrieg der USA in Vietnam“. Ein brennendes Kaufhaus. Baader und Ensslin vor Gericht. Die erste Befreiungsaktion. Die ersten Toten. Flugschriften. Die Banküberfälle. Die nackten, fliehenden Kinder in Vietnam. Die Anschläge auf amerikanische Militärbasen. Körper, die vor Kugeleinschlägen erzittern.
Es folgt Bild auf Bild, Aktion auf Aktion, Diskussion auf Diskussion und es gibt nichts, woran ich mich festhalten könnte, kein Bild, keine Szene die als Aufhänger dienen, an der man festmachen könnte: An dieser einen, zentralen Stelle zeigt der Film verdichtet das, was er zeigen will. So etwas wie ein zentrales Bild gibt es im Baader-Meinhof Komplex nicht, der Film konzentriert sich auf nichts. Stattdessen zeigt er so viel, dass ich nach der letzten Einstellung (der Kopf des erschossenen Hans Martin Schleyer sinkt auf den belaubten Waldboden) sprachlos das Kino verlasse und erst mal versuchen muss all die Bilder in meinem Kopf zu ordnen und in Beziehung zueinander zu setzen.
Die Kamera bewegt sich oft mit den Terroristen durch die Räume, schwenkt über den Flur zu einer Tür und betritt mit ihnen ein Zimmer. Sie bleibt auch einmal am Türrahmen stehen, fast so als halte sie Wache, während eine Terroristen die Bombe hinter einem Regal versteckt. Die Kamera nimmt mich als Betrachter immer mit. Sie schiebt mich mitten hinein in die Unruhen zwischen den Studenten und den Anhängern des Schahs, ganz nach vorn, in Reichweite der Wasserwerfer. Ich werde zum Mitwisser, als der erste Brandanschlag geplant wird. Aus der Perspektive eines kleinen Mädchens beobachte ich aus dem Fenster wie Andreas Baader ins Bein geschossen und wie er verhaftet wird. Ich stehe auch hinter Ponto, als er Brigitte Mohnhaupt die Tür seines Hauses öffnet, so wie ich mit den Wärtern die Zellentüren im Stammheimer Gefängnis öffne und die Leichen der Inhaftierten finde.
Nur zum Schluss hält die Kamera sich kurz fern. Während die Schüsse auf Schleyer zu hören sind, zeigt sie den goldenen Herbstwald. Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass ich so haltlos durch diesen Film gerissen werde, wie wahrscheinlich auch die Deutschen in den siebziger Jahren durch den Terror der RAF Sicherheit und Orientierung verloren.
Aber dann erscheint der goldene Wald in der vorletzten Einstellung. Nach den vorangegangen zwei Stunden wirkt dieser natürlich überhaupt nicht idyllisch. Irgendwie stört diese Einstellung gewaltig, weil sie die Phrase vom „deutschen Herbst“ aufdrängt und diese Metaphorik unglaublich schwach und simpel wirkt im Vergleich zu sämtlichen Bildern, die der Film bis hier hin zeigte. So sticht dieses eine Bild doch heraus, aber nur, weil es dem Rest des Films nicht gerecht werden kann.
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30 kommentare
01:00 Uhr
Susanne X. Wagner?!
15:21 Uhr
naja, sie hatte bislang keinen zweiten vornamen - das braucht man schon als kritiker. der x. hab ich einfach reingeschrieben, sie kann nichts dazu.
18:37 Uhr
Und warum hat dann Knut keinen zweiten??? Deine Argumentation ist mehr als löchrig!
19:02 Uhr
oh ja, mein freund, da hast du recht. aber das loch wurde gestopft - siehe knuts namen. schluss mit der diskussion
19:13 Uhr
ps: das s. steht für “superman”
19:17 Uhr
hm. sehr schöne kritik übrigens. ich hab mir den film noch nicht angesehen, weil ich mich bei politischen filmen immer unglaublich aufregen muss. meistens gibt es in eben diesen filmen immer nur einfach, einseitige standpunkte.
dass es dieses “eine bild” nicht gibt, scheint aber doch eine schöne sache zu sein. eben ein “komplexer” (haha) standpunkt. du beschreibst es ja selbst sehr schön:
“Ich hatte mich gerade damit abgefunden, dass ich so haltlos durch diesen Film gerissen werde, wie wahrscheinlich auch die Deutschen in den siebziger Jahren durch den Terror der RAF Sicherheit und Orientierung verloren.”
wie fandest du die brutalität im film (von der man oft positiv hört)? und moritz?
20:28 Uhr
Und ich muss immer noch nörgeln: wofür stehen das p. und das x.??
20:45 Uhr
naja. ich heiße - niemanden weitersagen
- peter.
00:05 Uhr
Am Wochenende wollte ich mir den Schwank eigentlich ansehen, aber meine Begleiter meinten, vermutlich vom grandiosen Fussballsieg euphorisiert, man könne die wertvolle Zeit meines Heimaturlaubes, mit Alkohol und Gesprächen über Frauen besser nutzen. Na toll!
10:46 Uhr
ach ja, über den bleibtreu-baader hätte man auch eine eigene kritik schreiben können. das wort, dass er am häufigsten sagte war “fotze!” dicht gefolgt von “was soll der verdammte scheiß!?”. dann hat er noch einen auftritt vor gericht bei dem er den richter als “faschistisches arschloch” bezeichnen darf. ansonsten bastelt er bomben und erschießt ein paar leute. also eigentlich fast alles so, wie auch in chiko
die brutalität ist schon sehr heftig. die kamera hält meistens auf die schusswunden drauf, besonders gern, wenn die kugeln in den kopf gehen. krass ist auch eine szene, in der eine geisel von einer maschinengewehrsalve niedergeschossen wird. genauso krass wie diese physische brutalität fand ich aber auch das radikal-ideologische denken der figuren, das logisch für mich überhaupt nicht nachvollziehbar war. warum jagt man ein deutsches kaufhaus in die luft, um gegen den krieg in vietnam zu protestieren und sich “zu solidarisieren”? in ihrem kopf muss es damals wohl irgendwie sinn gemacht haben.
insgesamt würde ich schon sagen, dass der film eher komplex als einseitig ist, aber ich hatte das gefühl, dass er gar keinen standpunkt einnimmt, sondern alle geschehnisse eben ‘nur’ zeigt, und das ziemlich plastisch.
10:55 Uhr
also wenn ein 2. vorname so kritikermäßig ist, dann nenn ich mich ab sofort fabian v. böttner. hab nämlich vor 3 minuten meine zusage vom andi bekommen. jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!
11:38 Uhr
Erst Mal: herzlichen Glückwunsch, Herr Fabian V. Böttner!
Zweit Mal: Susi und ich haben Mal wieder eine ganz unterschiedliche Filmwahrnehmung
Aber das kennen wir ja…
Dritt Mal: Ich habe im Kino die ganze Zeit am ganzen Körper gezittert und nur geheult (soviel zu politischen Filmen, Mitch :-))
Ich fand den Film insgesamt sehr sehr gut und stimme Susi, was ihre Beobachtungen in filmtechnischer (ist das der richtige Ausdruck?) Hinsicht betrifft, vollkommen zu. Was für mich den Film wirklich großartig macht ist aber eben, dass ich die Art, wie er die dargestellten Ereignisse politisch und gesellschaftlich (mit Gegenwartsbezug!) einordnet, als absolut perfekt empfunden habe. Hut ab! Ich hatte sehr hohe Erwartungen an den Film, die noch übertroffen wurden.
19:13 Uhr
Glueckwunsch, Herr Boettner! falls du jemanden brauchst, der mit dir ins kino geht… oder dann mal deine kritiken veröffentlichen möchtest, bin dabei.
Ansonsten hört sich der Film ja wirklich sehr gut an.
“genauso krass wie diese physische brutalität fand ich aber auch das radikal-ideologische denken der figuren, das logisch für mich überhaupt nicht nachvollziehbar war.”
Genau soetwas finde ich gut. wäre es zu verstehen könnte man ja auch die raf verstehen. und ich finde in vielen darstellungen kommt die raf zu gut weg. also muss ich mir wohl mal anschauen.
20:56 Uhr
also laura, ich glaube dass unsere filmwahrnehmungen diesmal gar nicht soweit auseinander liegen.
ich will den film auch gar nicht schlecht machen, denn ich fand ihn absolut sehenswert und er hat einen ziemlich starken Eindruck auf mich gemacht.
16:12 Uhr
Gute Kritik! Werde mir den Film am WE ansehen!
16:59 Uhr
ups wir haben ja wochenende! gut dann heute abend. *sehr gespannt bin^^
13:16 Uhr
und hast du ihn gesehen? wie fandest du ihn? ich werd ihn mir vielleicht morgen anschauen…
23:52 Uhr
Sehr ausführliche Kritik.
Hast mich dazu bewegt mir den Film anzusehen.
14:26 Uhr
Meiner Meinung nach ein Film der überzeugt, aber zu viel Spielraum für Interpretation lässt. Vorallem finde ich es erschreckend wie hoch der Coolness - Faktor der Terrorgruppe dargestellt wird. Gerade Jugendliche und Erwachsene bis 25 könnten diesen Film falsch auffassen. Wenn man nicht dabei gewesen ist, wirken die Aktionen fast gerechtfertigt und nachvollziehbar. Ich habe bei mir selbst festgestellt, dass ich vorallem gegen Anfang des Filmes in mir ein Gewaltpotenzial gespürt habe, dass vom Staat ausgelöst wurde. Dies hat sich zu meinem Erschrecken nicht gelegt, da die Terroristen, nicht als Terroristen sondern als Helden untergingen.
Ein Fazit oder ein abschließendes Resumee über Opferzahlen etc., hätte dem Film die richtige INtention verliehen. So hoffe ich, dass grade die Jugend, die nicht genügend Hintergrundwissen besitzt diesen Film richitg einordnet und sich nicht durch die “coolen” Terroristen beeinflussen lässt. Gerade Schülergruppen, die diesen Film besuchen, sollten sich mit ihren Lehrern ausführlichst darüber unterhalten, da dieses Thema erst in der Oberstufe angesprochen wird, und demzufolge Schüler der Real- oder Hauptschule keinerlei Chance haben zu vertstehen was da damals abging. Ich bin selber noch SChüler und habe selten einen Film gesehen, der so bedrohlich wirkt und die Menschen spaltet: Bsp. Kopfschütteln der älteren Generation und immer wieder Schmuntzler und Lacher auf Jugendlicher Seite.
13:55 Uhr
also ich hab den film schon vor einiger zeit gesehn.
insgesammt finde ich ihn ziemlich gut, er hat nur ein großes manko: am ende bleibt die große frage “warum?”
am anfang wird zwar mit der demonstration gegen den shar von persien sie situation deutlich gemacht, als die polizisten zuerst nichts tun und dann auf die friedlichen demonstranten einschlagen, aber danach ist, außer ein paar nicht erklärten kurzen einschüben aus vietnam nichts mehr zum hintergund.
gewalt wird groß geschrieben, und bei grausamkeiten alles andere als weggesehen. es mag sein, dass es zu der zeit in deutschland wirklich so war, aber ich hätte mir mehr hintergründe erhofft.
eine bekannte von mir hat zuvor das buch “lieber wütend als traurig” von alois prinz (lebensgeschichte der ulrike marie meinhof) gelesen, und sie fand den film sehr gut, da sie die ganzen hintergründe durch das buch kannte. ich selbst bin jetzt am lesen und mit jedem kapitel gewinnt der film an plastizität.
14:01 Uhr
Hab ihn mir jetzt zum 3 mal angesehen. Hätte nicht gedacht, dass er so gut ist. War am Anfang skeptisch.
00:48 Uhr
Hab ichs chon gesehen. war ok. Aber die Kritik war gut.
23:07 Uhr
Die Kritik ist Traumhaft.
02:49 Uhr
klasse kritik, sehe ich mir mal an
01:03 Uhr
Die Kritik hat mich dazu bewegt mir der Film anzusehen.
19:54 Uhr
Mich ebenfalls.
02:08 Uhr
Ich gibs zu, mich auch.
04:28 Uhr
ok ok, mich ebenfalls
13:25 Uhr
Hätte ich den nicht gesehen, hätte mich der Artikel auch dazu bewegt.
00:14 Uhr
Hab den sogar mehrmals gesehen. Aber der Artikel ist klasse.
Pings