Ein Selbstgespräch über Doris Dörries Film »Kirschblüten – Hanami«
Michael: Was für eine Handlung: Trudi, gespielt von Hannelore Elsner, erfährt von den Ärzten, dass ihr Ehemann Rudi (großartig: Elmar Wepper) bald sterben muss. Sie erzählt ihm nichts und überredet den mürrischen Beamten zu einer letzten Reise zu ihren Kindern nach Berlin und anschließend zu einem Ausflug an die Ostsee. Dort stirbt jedoch nicht Rudi, sondern Trudi. Der verstörte Ehemann versucht das Leben seiner Frau zu verstehen und entdeckt ihre tiefe Faszination für die japanische Kultur: Butoh-Tanz, Kimonos, »Mount Fuji« und das Kirschblütenfest »Hanami«. Rudi begibt sich zu seinem Sohn nach Tokio, um dort den Geist seiner verstorbenen Frau zu suchen. Ein bayerisches Ehepaar, Berlin, Tokio und der Tod – ganz schön viel auf einmal, oder?
Herr Wagenhäuser: Hm, als ich zum ersten mal von dem Film hörte, dachte ich auch: Oh nein, nicht schon wieder ein Mainstream-Film, der mit einer gespreizten Handlung auf die Tränendrüse drückt. Aber der Film ist viel geschickter, er ist nicht kitschig, sondern ambivalent – denn Dörries Blick auf die Menschen ist liebevoll. Deshalb empfinde ich gleichermaßen Verständnis für das ländliche Ehepaar, wie auch für deren Kinder, die keine Zeit haben sich um die plötzlich auftauchende Eltern zu kümmern. Ich lache mit ihnen. Ich schmunzle über den hilflosen Rudi in der Großstadt Tokio und ich empfinde Mitgefühl für den geschminkten, Kimono tragend Rudi am »Mount Fuji«.
Michael: Sie meinen eine »nette« Geschichte also. Aber fanden Sie dieses Szene im japanische Butoh-Tanztheater, das Trudi in Berlin unbedingt besuchen möchte, nicht auch etwas fremdartig?
Herr Wagenhäuser: Genau, aber dieser Butoh-Tanz ist schließlich für den Ehemann genauso befremdlich wie für mich und erst im Laufe des Films lernen wir – der Ehemann und ich als Zuschauer, diese Eigenart seiner Frau zu schätzen. Generell würde ich sagen, dass vieles sehr intelligent vermittelt wird. Die lange Stille, als Rudi alleine in sein leeres dunkles Haus zurückkehrt und sein Blick, der auf das zweite Paar Pantoffeln fällt und seine Unbeholfenheit beim anziehen seines Jäckchens.
Michael: Sie sind ja richtig begeistert. Dennoch, Sie haben doch bestimmt noch etwas an dem Film auszusetzen, oder?
Herr Wagenhäuser: Sie scheinen mich gut zu kennen! Sicherlich: Zunächst fiel mir die wackelige Kameraführung und die unsaubere Optik des Films auf, die den mobilen DV-Kameras geschuldet ist – ein Stativ hätte hier geholfen. Störend fand ich allerdings vereinzelte grafische Effekte, wie die gefärbten, ruckelnden Bilder vom Meer – keine Ahnung, was mir diese Effekte vermitteln sollten.
Neben den optischen Aspekten würde ich sonst noch die übermäßige Anzahl an Symbolen kritisieren: Die Schönheit und Vergänglichkeit der Kirschblüten hätte ja schon ausgereicht, um einen Querverweis auf das Leben zu ziehen, aber dann tauchen philosophische Weisheiten über Eintagsfliegen auf, und dann auch noch Raben, die wohl ein Symbol für »Einsicht und Gotteserkenntnis« sein sollen. Naja, wer‘s mag – ich fand es ein bisschen zu viel. Die Zuschauer um mich herum haben gegen Ende ja nur noch geschnieft und sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Sogar ich hatte feuchte Augen, das will was heißen. Schlecht kann der Film also nicht sein – im Ernst, ich finde ihn richtig gut.
stichworte dieses artikels: berlinale, doris dörrie, elmar wepper, hanami, hannelore elsner, kirschblüten






ein kommentar
Pings