film & tv rezensionen und empfehlungen 24/7

Filmkritik: PINK


 
ein beitrag von Michael P. Wagenhaeuser
 
18. Oktober 2011
17:37 Uhr
 
7 kommentare

 

 

Nach der Uraufführung plauderte der Drehbuchautor und Regisseur Rudolf Thieme frei über seinen Film: Er benötigte für das Schreiben des Drehbuchs seines 26. Films, wie auch für alle anderen vorangegangenen Filme, nur 28 Tage. Außerdem schreibt er seine Drehbücher immer in Hefte. Und dieses hatte einen pinkfarbenen Umschlag, deshalb der Filmtitel ›Pink‹. Ja, und es ginge im Film um die Unberechenbarkeit der Liebe.

Ach was. Schön zu hören, das sich ein Drehbuchautor 28 Tage lang ganz viele Gedanken gemacht hat. 280 Tage wären aber besser gewesen. In diesem Fall vielleicht sogar 28.000 Tage. Denn um es vorwegzunehmen, bevor ich auf den Inhalt eingehe – ich fand PINK war des schlechteste Film, den ich dieses Jahr auf der Berlinale gesehen habe.

Pink, gespielt von Hannah Herzsprung, ist Punk-Dichterin. Sie hat drei Verehrer und möchte sich nun für einen entscheiden. Dies macht sie anhand einer Liste, in dem sie Punkte für verschiedene Eigenschaften der Verehrer einträgt, und eines Taschenrechners. Das das nicht klappen kann ist jedem klar. Die erste Ehe scheitert, der geschiedene Mann erhängt sich. Die zweite Ehe mit dem nächstbesten Verehrer scheitert natürlich auch und am glücklichsten wird sie mit dem hässlichsten schrulligsten Typen, der nach der Rechnung die wenigsten Punkte hatte. Kotz.

Das Publikum, das um mich herum saß, meist 40- bis 50-jährigen Frauen fanden den Film ›das Geilste überhaupt‹. Ich würde gerne wissen warum. Im Ernst, bitte schreibt einen Kommentar, warum der Film gut sein soll. Ich glaube ja, das es am Prosecco lag, den es vor der Premiere gab. Es wurde in den schlimmsten Situationen gekichert: Etwa als sich der erste Ehemann erhängt. »Kicher, kicher, sieht der fertig aus – haha, jetzt versucht er sich zu erhängen.« Als er dann schließlich doch springt sind die Damen hinter mir umso schockierter. »Kicher, kicher – oh Gott!«. Dieses schreckliche hin und her der Damen lässt sich durch die unmotivierten, nicht ausgearbeiteten Figuren erklären. Keiner weiß, wie er einer Figur gegenüberstehen soll. Es geschehen einfach aneinandergereihte, voraussehbare Nichtigkeiten.

Dabei waren Schauspieler, Kamera, Deko und Kostüm nicht schlecht, was aber erschüttert ist das schreckliche Drehbuch: Vieles ist vorhersehbar und wenn etwas nicht vorhergesehen werden kann, dann weil es noch schlechter kommt als man ahnt. Ein typischer Dialog gegen Ende des Filmes, als Pink endlich mit ihrer Liebe des Lebens zusammen ist (aus dem Gedächtnis):
Er: »Schatzilein, fall bitte nicht von der hohen Leiter, ich geh mal eben ins Haus«
Sie: »Ne ne, keine Angst, Schatz«
Schnitt. Er steht in der Küche. Rumms. Schnitt. Sie liegt verletzt auf dem Boden.
Kotz.

Schluss jetzt. Nicht zu viel Zeit mit einem so schlechten Film verbringen. Nur noch ein weiteres Detail, das der Regisseur von sich gab: der Film hat 500.000 Euro gekostet. Na da, doch etwas positives: wenigstens konnte er so den 80 Mann starken Stab für ein paar Wochen in Lohn und Brot setzen.

 

 

Filmkritik: H:R Landshövding – Mr. Govenor


 
ein beitrag von Michael P. Wagenhaeuser
 
17. Oktober 2011
16:59 Uhr
 
1 kommentar

 

 

In seinem 81-minütigen Dokumentarfilm begleitet der Regisseur Måns Månsson den Gouverneur der schwedischen Provinz Uppsala, Anders Björck, durch dessen Alltag.

Diesen aufreibenden, scheinbar stillstehenden Alltag bekomme ich vorgeführt: Er hält Ansprachen, schüttelt Hände, telefoniert, hält Ansprachen, plant Empfänge, schreibt in seinen Terminkalender, telefoniert, eröffnet lokale Festivitäten, schüttelt Hände, …

Was ist nicht sehe sind die großen, sonst immer in den Medien zirkulierenden Events, die den Provinzpolitiker im Film zwischenzeitlich beschäftigen: Den Empfang des japanischen Kaiserpaars oder das Treffen mit Vertretern des englischen Königshauses.

Auch Abseits der inhaltlichen Ebene wird dem Betrachter vieles vorenthalten: Es fehlt Farbe und Off-Kommentar, die Bilder sind teils unterbelichtet und das grobe Korn des 16mm-Films verdeckt Details. Ein Trend, der in heutigen Filmen in Mode gekommen scheint.

Doch gerade dieses parallel laufende Fehlen auf der inhaltlichen und auf der materiellen Ebene macht den Film stark: Es zeigt Gemachtheit auf. Einerseits die Gemachtheit des Images eines Politikers durch Medien indem sich der Film bewusst auf das sonst nicht Gezeigte konzentriert und andererseits die Gemachtheit gerade dieser Dokumentation: Wo Farbe noch den Anspruch auf objektive Darstellung DER Wirklichkeit erheben könnte verweist das Unfarbige auf das Medium des Films, auf dessen Subjektivität zurück.

 

 

Filmkritik: The Reader – Der Vorleser


 
ein beitrag von laura x. trager
 
18. September 2011
14:10 Uhr
 
9 kommentare

 

 

Ich kann nicht verhindern, dass mir einige Tränen die Wange hinunter kullern – was aber weniger der Wucht der Bilder als der Exzellenz der Romanvorlage von »The Reader« (»Der Vorleser«) geschuldet ist. Bernhard Schlink gelang ein beeindruckender Roman, der feinfühlig das Nachkriegsdeutschland und seine Protagonisten bis in die 1990er Jahre zeichnet – traumatisiert, rebellisch, resigniert. Die filmische Nachinszenierung ist ordentlich, ja, aber auch nicht mehr.

Ein kleines Tränchen gilt dabei auch dem englischen Originalton. Außer der Hauptdarstellerin Kate Winslet springen dem deutschen Kinofan in fast allen Rollen bekannte deutsche Schauspieler entgegen. Der Film mutet an wie ein Wiedersehen mit alten Freunden – die sich jedoch, ihrer Muttersprache beraubt, seltsam fremd anfühlen. Schlimmer noch, auch die mir wohl bekannte und geliebte Romanvorlage und vor allem die Literaturklassiker, die darin eine tragende Rolle spielen, sind durch die englische Übersetzung kaum wieder zu erkennen.

Doch warum fühlt sich das so falsch an? Warum wünsche ich mir auf einmal, dass dieses Kleinod deutscher Nachkriegsliteratur ausschließlich den Deutschen, oder zumindest denjenigen, die es im deutschen Original verstehen können, gehören soll?

Der Film »The Reader« reiht sich ein in die seit kurzem losgetretene Welle der filmischen Aufarbeitung der deutschen (Nach-)kriegsgeschichte aus Hollywood – mit durchaus deutschem Standpunkt. Was ist der Auslöser für dieses plötzliche Interesse? Trotzig denke ich, dass es über dem großen Teich 60 Jahre lang niemanden interessiert hat, wie es um die deutsche Seele bestellt ist. Jetzt brauchen sie ihre Ignoranz auch nicht mehr abzulegen, denke ich, und schon gar nicht auf diese Weise – durch die Adaption sensibler politischer Themen in die Popkultur Hollywoods. Bei dem Gedanken an Popcorn fressende Amerikaner, die sich an der sexuellen Beziehung zwischen einem 16-jährigen und einer analphabetischen Kriegsverbrecherin aufgeilen, wird mir ganz schlecht …

Doch dann beruhige ich mich selbst. Späte Erkenntnis ist ja doch besser als gar keine, sage ich mir. Und der Film könnte schlimmer – ja überhaupt könnte alles viel schlimmer sein. Warten wir ab, wie es weitergeht. Ich werde sicherlich nicht vergessen, wie oft ich im Ausland mit Hitler identifiziert wurde, sobald ich meine deutsche Herkunft enthüllte. Aber vielleicht wird es meinen Kindern einmal besser gehen.

 

 

Filmkritik: Little Joe


 
ein beitrag von laura x. trager
 
18. September 2011
14:06 Uhr
 
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Joe Dallesandro. Model, Schauspieler, Straßenjunge.

Faszinierend, wie wenig Bedeutung er seinem eigenen Leben bzw. dem Schaffen von Künstlern beimisst, die die Kunstszene für immer verändert haben. Leider wirkt seine Einstellung eher gleichgültig und kurzsichtig als abgeklärt und weise.

Ebenso ist der Film nicht gerade ein technisches Meisterwerk. In Home-Video-Qualität berichtet der gealterte Joe Dallesandro selbst über sein Leben und die Dinge, die ihm darin wichtig erscheinen. Leider versäumen es die Regisseurinnen, darauf zu achten, dass Erzählstränge durchgehalten werden. So werden zahlreiche Aspekte angeschnitten, aber nicht zu Ende erzählt und der Zuschauer fühlt sich recht verloren zwischen Anekdoten über Kunst, Sex und Schönheit.

Beeindruckend bleibt lediglich das exzessiv verwendete Fotomaterial aus Joe Dallesandros Jugend. Solange ich kein besseres Forum für diese wunderbaren Bilder kenne, halte ich diesen Film trotz aller Schwächen für sehenswert.

 

 

Filmkritik: When You’re Strange


 
ein beitrag von laura x. trager
 
18. Februar 2009
14:04 Uhr
 
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It`s Party Time. The Doors. Die 60s. When You`re Strange.

Inhaltlich bietet »When You`re Strange« von Tom DiCillo keine Highlights. Der Film beschreibt  im Großen und ganzen den »Rise and Fall« einer Rockband der 1960er Jahre, geht auf ihre Bedeutung für die Jugendbewegung und ihre Charaktere ein. Er widmet sich Drogen, Poesie und Politik. Ordentlich, aber wenig überraschend.

Die Stärke des Films liegt in seinen Bildern: Der Film verwendet ausschließlich Found Footage, seltenes Material. Nackte Tonspuren werden gekonnt mit Filmschnipseln und Fotos hinterlegt, umgekehrt genauso – Bild und Ton, die ursprünglich nicht zusammengehörten, bilden auf einmal eine außergewöhnliche Symbiose. Durch ihr perfektes Zusammenspiel entsteht der Eindruck, bei jedem geschilderten Ereignis persönlich anwesend zu sein. Besonders sehenswert macht den Film die erstmalige Veröffentlichung von Ausschnitten eines Films von Jim Morrison persönlich (ein studierter Filmemacher!) – ein Road-Movie im Jahr 1969 – und deren präzise Einbindung in das Found Footage Material.

Das beeindruckendste an diesem Screening ist jedoch die Q&A-Session danach. Der Regisseur Tom DiCillo (schwarze Lederhose, schwarze Bikerjacke, schulterlanges, zum Zopf gebundenes Haar, Mitte 40) reißt gleich zu Beginn der Moderatorin das Mikrofon aus der Hand und das Gespräch an sich. Mit beißender Ironie reagiert er auf Zuschauerfragen, die Stimmung ist ausgelassen, auf einmal findet das Wort »fuck« Eingang in jeden gesprochenen Satz.

Die letzte Frage aus dem Publikum ist, welche persönliche Erkenntnis der Regisseur aus der Arbeit an »When You`re Strange« mitgenommen habe. Die Antwort: Filme machen bedeute leider oft, Kompromisse machen zu müssen. Das wäre aufgrund der Verwendung von Originalmaterial insbesondere bei diesem Film der Fall gewesen. Vor diesem Hintergrund habe Tom DiCillo eines der letzten Zitate des Films besonders berührt, das 10 Jahre nach Jim Morrisons Tod von dessen Vater ausgesprochen worden sei: »My son had one great talent which he expressed without compromise.«

 

 

Filmkritik: Kan door huid heen – Can go through Skin


 
ein beitrag von laura x. trager
 
18. Februar 2009
14:01 Uhr
 
1 kommentar

 

 

Wir beobachten Marieke in tiefster Verzweiflung: Ihr Freund hat sich von ihr getrennt. Sie versucht, mit der Situation klar zu kommen. Ruft alte Verehrer an, die sich alle schon längst nicht mehr an sie erinnern. Betrinkt sich. Eine Freundin, die besorgt nach ihr sehen will, lässt sie vor der Tür stehen. Stattdessen bestellt Marieke eine Pizza und lässt ein Bad ein. Der gemütliche Abend allein mit dem eigenen Selbstmitleid verwandelt sich jedoch in einen Albtraum: Der Pizzabote überfällt Marieke, versucht, sie in der Badewanne zu ertränken. Nur durch einen glücklichen Zufall lässt er von seinem Opfer ab – Marieke überlebt, der Angreifer wird gefasst.

Doch die Geschehnisse haben tiefe Wunden in Mariekes Seele geschlagen. Sie entwickelt psychotische Angstzustände, vertraut keinem Menschen mehr. Gleichzeitig sehnt sie sich jedoch nach (körperlicher) Nähe. Wir begleiten Marieke durch ihre persönliche Hölle in einem einsamen Haus in Zeeland. Es ist nicht Mitleid, das ich fühle, eher eine furchtbare Leere und ein Gefühl der Machtlosigkeit. Der Film hat kein Happy End und bietet keine Lösung. Benommen, wie Marieke, die in der letzten Einstellung nach einer Panikattacke apathisch in ihrem Bett ruht, verlasse ich das Kino.

 

 

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