film & tv rezensionen und empfehlungen 24/7

59. Berlinale – Filmkritik: Nord/North


 
ein beitrag von Michael P. Wagenhaeuser
 
7. Februar 2009
11:36 Uhr
 
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Weltpremiere von Nord, Zoo Palast Berlin, 6. Februar 2009, 19.00 Uhr

Jomar liegt auf seiner Pritsche in einer Skihütte und raucht und schwitzt. Er schluckt Anti-Depressiva, schaut Katastrophendokumentationen auf dem National Geographics Channel, trinkt Alkohol aus einem fünf Liter Kanister, fackelt versehentlich die Hütte ab.

Und los geht’s mit dem Schneemobil-Road-Movie:
Auf dem Weg zu seiner Ex-Freundin Linnea begegnet ihm ein alter Mann, der ihm kurz vor seinem Tod mit weisen Worten eine Art Payback-Karte überreicht, eine Panzer-Einheit, ein homophober Bauernjungen, mit dem er sich in Alkohol getränkte Tampons auf den Kopf klebt, …

Klingt komisch? Ist es. Das war’s.

 

 

Filmkritik: Rusalka – Die Meerjungfrau


 
ein beitrag von knut s. spangenberg
 
2. Juli 2008
12:36 Uhr
 
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Russische Föderation 2007, Regie: Anna Melikian;

Vergnügt schwimmen die bunten Fische im Vorspann durch ihr Frottee-Aquarium, das den voluminösen Hintern einer Dame mittleren Alters bedeckt. Ein ungestümer One-Night-Stand in der Meeresbrandung, bei dem sich die Naturgewalten mit einschreiben in das Kind, welches vergeblich auf die Heimkehr des Vaters hoffen wird. Die kleine Meerjungfrau, das ist Alisa.

Die Fähigkeit der Wunscherfüllung ist ihr schon in die Wiege gelegt, aber erst auf der Sonderschule lernt sie, diese Gabe für sich nutzbar zu machen. Doch alles hat seinen Preis: Immer, wenn sie unvorsichtigerweise den eigenen Vorteil herbeisehnt, stürzt sie ihre Mitmenschen augenblicklich ins Unglück.

Nachdem ihr Heimatdorf von einem plötzlich auftretenden Orkan in Schutt und Asche gelegt wurde, macht sich Alisa auf in die große Stadt, um dort ihr Glück zu suchen. Moskau, eine dreckige, modrige Betonwüste. Hier konstruieren unzählige Werbeplakate eine Welt, in der alles möglich scheint – man muss es nur richtig wollen. Auf ihnen manifestieren sich Alisas Hoffnungen, die genauso die Hoffnungen jedes anderen Menschen sein könnten. Die Erfüllung aller Träume – jetzt mit 20 Prozent Rabatt! Hinter dieser schillernden Fassade lauert eine von Siechtum und Ignoranz geprägte Realität. Alisas kindlich-naive Imagination schützt das Mädchen Anfangs vor dieser feindlichen Umgebung. In ihrer Fantasie tanzen die Akteure vor pastellfarbenem Himmel fröhlich im Kreis. Traum, Erinnerung und Wirklichkeit, Innen und Außen. Mit spielerischer Leichtigkeit überlagern sich die verschiedenen Sphären und Eines geht im Anderen auf. Erst die Begegnung mit ihrem Traumprinzen bringt auch etwas Farbe in Alisas Alltag. Der hat aber keinerlei Verständnis für ihre mädchenhafte Schwärmerei. In seinem Leben bleibt Alisa nur eine eher lästige Randerscheinung.

Was kümmert es den Menschen, den man liebt, dass man ihn liebt? Was kümmert es den, der liebt, dass seine Zuneigung nicht erwidert wird? Bedingungslose Liebe, kurze Momente des Glücks, Selbstaufopferung, ein letzter Wunsch. Die Geschichte endet für Alisa tragisch. Doch sie tritt ein in die kurzlebige Unendlichkeit des Werbehimmels, an dessen Firmament ihr Bild nun überlebensgroß erstrahlt.

 

 

Ein Selbstgespräch über Hanami – Kirschblüten, engl. Cherry Blossoms


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
23. Februar 2008
09:38 Uhr
 
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Ein Selbstgespräch über Doris Dörries Film »Kirschblüten – Hanami«

Michael: Was für eine Handlung: Trudi, gespielt von Hannelore Elsner, erfährt von den Ärzten, dass ihr Ehemann Rudi (großartig: Elmar Wepper) bald sterben muss. Sie erzählt ihm nichts und überredet den mürrischen Beamten zu einer letzten Reise zu ihren Kindern nach Berlin und anschließend zu einem Ausflug an die Ostsee. Dort stirbt jedoch nicht Rudi, sondern Trudi. Der verstörte Ehemann versucht das Leben seiner Frau zu verstehen und entdeckt ihre tiefe Faszination für die japanische Kultur: Butoh-Tanz, Kimonos, »Mount Fuji« und das Kirschblütenfest »Hanami«. Rudi begibt sich zu seinem Sohn nach Tokio, um dort den Geist seiner verstorbenen Frau zu suchen. Ein bayerisches Ehepaar, Berlin, Tokio und der Tod – ganz schön viel auf einmal, oder?

Herr Wagenhäuser: Hm, als ich zum ersten mal von dem Film hörte, dachte ich auch: Oh nein, nicht schon wieder ein Mainstream-Film, der mit einer gespreizten Handlung auf die Tränendrüse drückt. Aber der Film ist viel geschickter, er ist nicht kitschig, sondern ambivalent – denn Dörries Blick auf die Menschen ist liebevoll. Deshalb empfinde ich gleichermaßen Verständnis für das ländliche Ehepaar, wie auch für deren Kinder, die keine Zeit haben sich um die plötzlich auftauchende Eltern zu kümmern. Ich lache mit ihnen. Ich schmunzle über den hilflosen Rudi in der Großstadt Tokio und ich empfinde Mitgefühl für den geschminkten, Kimono tragend Rudi am »Mount Fuji«.

Michael: Sie meinen eine »nette« Geschichte also. Aber fanden Sie dieses Szene im japanische Butoh-Tanztheater, das Trudi in Berlin unbedingt besuchen möchte, nicht auch etwas fremdartig?

Herr Wagenhäuser: Genau, aber dieser Butoh-Tanz ist schließlich für den Ehemann genauso befremdlich wie für mich und erst im Laufe des Films lernen wir – der Ehemann und ich als Zuschauer, diese Eigenart seiner Frau zu schätzen. Generell würde ich sagen, dass vieles sehr intelligent vermittelt wird. Die lange Stille, als Rudi alleine in sein leeres dunkles Haus zurückkehrt und sein Blick, der auf das zweite Paar Pantoffeln fällt und seine Unbeholfenheit beim anziehen seines Jäckchens.

Michael: Sie sind ja richtig begeistert. Dennoch, Sie haben doch bestimmt noch etwas an dem Film auszusetzen, oder?

Herr Wagenhäuser:
Sie scheinen mich gut zu kennen! Sicherlich: Zunächst fiel mir die wackelige Kameraführung und die unsaubere Optik des Films auf, die den mobilen DV-Kameras geschuldet ist – ein Stativ hätte hier geholfen. Störend fand ich allerdings vereinzelte grafische Effekte, wie die gefärbten, ruckelnden Bilder vom Meer – keine Ahnung, was mir diese Effekte vermitteln sollten.
Neben den optischen Aspekten würde ich sonst noch die übermäßige Anzahl an Symbolen kritisieren: Die Schönheit und Vergänglichkeit der Kirschblüten hätte ja schon ausgereicht, um einen Querverweis auf das Leben zu ziehen, aber dann tauchen philosophische Weisheiten über Eintagsfliegen auf, und dann auch noch Raben, die wohl ein Symbol für »Einsicht und Gotteserkenntnis« sein sollen. Naja, wer‘s mag – ich fand es ein bisschen zu viel. Die Zuschauer um mich herum haben gegen Ende ja nur noch geschnieft und sich die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Sogar ich hatte feuchte Augen, das will was heißen. Schlecht kann der Film also nicht sein – im Ernst, ich finde ihn richtig gut.

 

 

Filmkritik: Transsibirian, Brad Anderson, 111 Minuten


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
10. Februar 2008
17:12 Uhr
 
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Mit der Transsibirischen Eisenbahn durch »the wild wild east«, von Peking nach Moskau: Was für ein Abenteuer für den gläubigen Eisenbahnfan und seine Frau.
Draußen in grün getauchte Kälte und eine Eisenbahn die durch schneebedeckte Wälder rattert. Drinnen Wärme, ein befreundetes Pärchen, Vodka mit den Einheimischen und ansprechende Weisheiten wie »Life is a journey, not a destination« – wie schön. Dies alles wird begeistert von der Protagonistin mit ihrer Canon EOS 400D festgehalten. Doch irgendwann kippt und beschleunigt sich der Film: Asien und besonders Russland ist keine Sightseeing-Idylle für amerikanische Touristen – »but we‘re Americans!« – sondern Realität, und allein der Glaube an das Gute und die Wahrheit führen nicht zwangsläufig zum Besten, wenn es das Schicksal anders will.

Gesehen am 10. Februar 2008 im Cinemaxx auf der Berlinale;

 

 

Lake Tahoe, Wettbewerbsfilm Mexiko, Fernando Eimbcke


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
10. Februar 2008
16:33 Uhr
 
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Gesehen am 9. Februar 2008 im Berlinale Palast, Weltpremiere;

Stilvoll konstruierte Bilder, die Arbeit unzähliger Könner und viel Herzblut der Beteiligten – all das scheint in »Lake Tahoe« zu stecken – doch reicht das für einen guten Film? Ich meine in diesem Fall leider nicht.
Denn Lake Tahoe langweilt und zwingt selbst den Härtesten in den Kampf mit der Müdigkeit. Die Story ist schnell erzählt: Ein sehr junger Herr setzt auf schnurgerader Straße seinen Wagen, einen Nissan Tsuru, gegen einen Mast und muss für die Reparatur und die Beschaffung des Ersatzteiles, die Halterung eines Verteilerkastens, allerlei Qualen über sich ergehen lassen – und mit ihm ich: Mal eben Babysitten, den Hund des Werkstattbesitzers ausführen oder einen »Bruce Lee«-Film anschauen. Dabei hat es der Protagonist »eigentlich eilig«, der Regisseur offensichtlich nicht, sondern er streckt die Einstellungen extrem lang.
Mit statischen, sorgsam austarierten Bildausschnitten – »Film gewordenen Fotografien« – wird die Handlung begleitet. Mal hastet der Junge von links durch das Bild, mal von rechts, die Einstellung bleibt noch eine Weile. Gesprochen wird kaum. Mal schließt sich mein linkes Auge, mal das rechte, oft beide. Grund für diese (filmische) Apathie ist wohl, wie erst spät im Film bekannt wird, der Tod des Vaters.
Verurteilen kann ich den Film nicht, da es sich hier anscheinend um ein Andenken an den verstorbenen Vater des Regisseurs handelt, aber gut finden muss ich dies auch nicht.