Ich kann nicht verhindern, dass mir einige Tränen die Wange hinunter kullern – was aber weniger der Wucht der Bilder als der Exzellenz der Romanvorlage von »The Reader« (»Der Vorleser«) geschuldet ist. Bernhard Schlink gelang ein beeindruckender Roman, der feinfühlig das Nachkriegsdeutschland und seine Protagonisten bis in die 1990er Jahre zeichnet – traumatisiert, rebellisch, resigniert. Die filmische Nachinszenierung ist ordentlich, ja, aber auch nicht mehr.
Ein kleines Tränchen gilt dabei auch dem englischen Originalton. Außer der Hauptdarstellerin Kate Winslet springen dem deutschen Kinofan in fast allen Rollen bekannte deutsche Schauspieler entgegen. Der Film mutet an wie ein Wiedersehen mit alten Freunden – die sich jedoch, ihrer Muttersprache beraubt, seltsam fremd anfühlen. Schlimmer noch, auch die mir wohl bekannte und geliebte Romanvorlage und vor allem die Literaturklassiker, die darin eine tragende Rolle spielen, sind durch die englische Übersetzung kaum wieder zu erkennen.
Doch warum fühlt sich das so falsch an? Warum wünsche ich mir auf einmal, dass dieses Kleinod deutscher Nachkriegsliteratur ausschließlich den Deutschen, oder zumindest denjenigen, die es im deutschen Original verstehen können, gehören soll?
Der Film »The Reader« reiht sich ein in die seit kurzem losgetretene Welle der filmischen Aufarbeitung der deutschen (Nach-)kriegsgeschichte aus Hollywood – mit durchaus deutschem Standpunkt. Was ist der Auslöser für dieses plötzliche Interesse? Trotzig denke ich, dass es über dem großen Teich 60 Jahre lang niemanden interessiert hat, wie es um die deutsche Seele bestellt ist. Jetzt brauchen sie ihre Ignoranz auch nicht mehr abzulegen, denke ich, und schon gar nicht auf diese Weise – durch die Adaption sensibler politischer Themen in die Popkultur Hollywoods. Bei dem Gedanken an Popcorn fressende Amerikaner, die sich an der sexuellen Beziehung zwischen einem 16-jährigen und einer analphabetischen Kriegsverbrecherin aufgeilen, wird mir ganz schlecht …
Doch dann beruhige ich mich selbst. Späte Erkenntnis ist ja doch besser als gar keine, sage ich mir. Und der Film könnte schlimmer – ja überhaupt könnte alles viel schlimmer sein. Warten wir ab, wie es weitergeht. Ich werde sicherlich nicht vergessen, wie oft ich im Ausland mit Hitler identifiziert wurde, sobald ich meine deutsche Herkunft enthüllte. Aber vielleicht wird es meinen Kindern einmal besser gehen.






