Elementare Kennzeichen der Filme des »New Hollywood« sind deren gesellschaftskritische Haltung und der Bruch mit damaligen filmischen Konventionen. Die Hinterfragung traditioneller Werte, wie etwa die der Religion in Coppolas »The Conversation« {1974 / dt. »Der Dialog«}, kann für »New-Hollywood-Filme« als typisch betrachtet werden.
Die Hauptfigur Harry Caul (Gene Hackman), ein Abhörspezialist, führt ein einsames Leben ohne soziale Bindungen. Seine karg ausgestattete Wohnung enthält kaum persönliche Dinge: »I don‘t have anything personal, nothing of value, nothing personal exept my keys«. Bezeichnenderweise ist der Abhörspezialist selbst paranoid und fürchtet um seine privaten Informationen, die er auch gegenständlich, mit drei Türschlössern, schützt. Trotz seiner Einsamkeit ist seine Wohnung mit einem Christbaum und einem Krippenspiel geschmückt – ein erster Hinweis auf Harry Cauls Gläubigkeit. Die herausragende Rolle der Religion in Cauls Leben zeigt sich in vielen weiteren Szenen:
Während der Aufarbeitung von Abhör-Aufnahmen benutzt Cauls Kollege Stan in einer Unterhaltung die Worte »Jesus!« und »…, for Christ‘s sake!«. Harry Caul bittet seinen Mitarbeiter daraufhin zweimal dies zu unterlassen: »Don‘t say that!« und »Stan – don‘t say that again, please. Don‘t use that word in vain, that bothers me.« Der Wert der Religion für Harry Caul ist eine der wenigen Informationen, die der Zuschauer über dessen Privatleben erfährt. Um so wichtiger ist die Position der Religion für Harry Caul einzuschätzen.
Mit fortschreitender Handlung verändert sich jedoch diese uneingeschränkte Stellung. Nachdem Harry Caul die Aussage des Paares, »He‘d kill us, if he‘d got the chance«, entschlüsselt hat, begibt er sich in die Kirche um zu beichten. Im Beichtstuhl äußert er seine Angst, dem Paar könne etwas passieren. Schon einmal seien durch seine Arbeit Menschen zu Schaden gekommen – er könne jedoch nichts dafür. Eine erste Differenz zwischen Harrys Glauben und Harrys Handeln tut sich auf: Entweder fühlt er sich schuldig, dass durch seine Arbeit Menschen getötet wurden – oder er ist tatsächlich unschuldig, dann hätte er aber keinen Anlass zur Beichte.
Der Beichtstuhl ist für Harry Caul der einzige Ort, an dem er freiwillig private Informationen über sich preis gibt – er fühlt sich durch die Religion geschützt. Das dieser Schutz trügerisch sein kann wird dem Zuschauern näher gebracht, indem die Kamera die Schärfe auf das Ohr des Priesters verlegt. Harrys Privatsphäre wird »abgehört«.
Zudem erfolgt keine mündliche Kommunikation mit dem Priester, die Person auf der Gegenseite des Beichtstuhls bleibt stumm: Man kann die Anwesenheit eines Priesters oder gar der Religion in Frage stellen.
Erst später im Film wird Harry Caul bewusst, dass er indirekt mit seiner vergangenen Arbeit drei Menschen getötet hat. »Oh God, what have I done? Oh God!«. Der Ausruf »Oh God« weist auf das Gewicht seiner gewonnenen Erkenntnis hin – Harry benutzt diese Worte nie als leere Floskel oder als Fluch. Er fasst den verhängnisvollen Beschluss: »I won‘t let this happen again« und verrennt sich in seiner gestörten Wahrnehmung, der Angst um das Paar.
In seinem darauf folgenden Traum begegnet er der Frau und gesteht ihr: »I‘m not afraid of death, I‘m afraid of murder«, ein Hinweis auf den weiteren Verlauf der Handlung, der mit seiner Religiösität einhergeht. Nach den Zehn Geboten im Christentum ist es verboten zu morden, der Tod wird jedoch als Erlösung angesehen.
Als es zum Mord kommt, gerät Harry Cauls Privatleben endgültig aus den Fugen. Der Mord geschah nicht wie von ihm vermutet an dem Paar, sondern das Paar waren die Mörder. Durch diesen Fehler Harry Cauls, der falschen Interpretation des Satzes »He‘d kill us, if he got the chance«, wurde erneut ein Mensch getötet. Harry Caul flüchtet sich in seine Privatspähre, doch seine Wohnung wird anscheinend abgehört.
Der Abhörspezialist sucht dort nach Wanzen, findet jedoch selbst nach kompletter Überprüfung seiner Wohnung nichts. Der letzte Gegenstand, in dem sich eine Wanze verbergen könnte, ist eine Plastikmadonna. Harry Caul betrachtet diese kurz und nach einem kurzen Zögern entscheidet er sich die Figur zunächst mit der Faust, und anschließend mit einem technischen Gerät zu zerstören um sie zu öffnen. Doch die Figur ist leer. Die Besonderheit der Figur wird zudem durch die Einstellung gefördert – die Kamera erhöht die Madonna durch einen Schuss von leicht unterhalb.
Für Harry Caul bedeutete die Zerstörung der Madonna, dem Symbol der Unschuld, den Verlust seiner vormals höchsten Werte – den Verlust seiner Persönlichkeit verbunden mit seinem Glauben und seiner Moral. Harry Caul sitzt geknickt im Eck seiner völlig zerstörten Wohnung, die Kamera überwacht ihn weiterhin.
»Die Zerstörung der Plastikmadonna […] kennzeichnet eine Grenzüberschreitung mit der Caul in einer Entladung angestauter Aggressionen die Grundfesten seiner tiefsten Überzeugung erschüttert.«1
Über die gesamte Handlung hinweg steht Harry Cauls Arbeit mit seiner Persönlichkeit und Glauben im Gegensatz. Während er in der Religion die Moral sucht, ist er in seiner Arbeit morallos und berechnend. Während er mit seiner Arbeit andere ausspioniert, hat er persönlich Angst ausspioniert zu werden. »His wish to adhere to traditional moral principles, however, stands in blatant contrast to his suspicion that his work might be involved in essential immoral activities.«2
Meredith fasst die Erwartungen an Harry Caul zusammen: »Your not supposed to feel […] you‘re just supposed to do it«. Aber diese Widersprüche kann Harry nicht vereinen. Letzten Endes, als er erkannt hat, dass er mit seiner Arbeit anderen Menschen schadet und gegen seine traditionellen christlichen Werte handelt, treiben ihn die Widersprüche zu seinem selbstzerstörerischen Akt, in dem er auch seine moralischen Werte, seine Glaubensrelikte zerstört.
Folgt man Brenda Austin-Smith3 ist es Harry Cauls eigenes Gewissen, das den Abhörspezialisten über die ganze Zeit hinweg beobachtet – das er letzten Endes nicht übergehen oder ausschalten kann.
Quellen:
1 Naziri, Gérard (2003): Paranoia im amerikanischen Kino, S. 105
2 Patzig, Johannes (2007): Crisis of Americanism in Hollywood‘s Paranoia Films of the 1970s, S. 42
3 Austin-Smith, Brenda (2001): The Conversation





