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Filmkritik: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
19. November 2007
23:33 Uhr
 
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Keine Helden, kein Showdown, aber ein Western.

Durch ein Fenster brechen die Sonnenstrahlen in ein warmes Zimmer. Ein stattlicher Mann sitzt in einem Schaukelstuhl und raucht genüsslich seine Zigarre. Kind und Frau sind anwesend – heile Welt.

Männer sitzen im sonnendurchfluteten Wald und essen Eintopf. Ihr Anführer, ein stattlicher Mann, der seine bisherigen 17 Morde nicht bereut, blinzelt.

In der Dunkelheit trifft die Bande die letzten Vorbereitungen für einen Zugüberfall. Als der Zug herandonnert, blendet das Licht der Scheinwerfer. Dampf steigt auf und im gleißenden Gegenlicht erscheint die Silhouette des Anführers Jesse James. Sein nächtliches Ich ist skrupellos: Er verprügelt einen Zug-Angestellten, bis dieser regungslos am Boden liegt.

Jesse James ist so gespalten wie Licht und Schatten und doch kann das Eine ohne dem Anderen nicht sein. Jesse James ist kein Stereotyp, er ist Gut und Böse, er ist Mensch.

Zu wissen, wovon der Film handelt und welchen Verlauf dieser nimmt, ist keine Kunst: »Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford«. Der »Verlust« des klassischen Spannungsbogens verstärkt andere Qualitäten: Zum einen der größere Einfluss der einzelnen Charaktere und zum anderen die Suspense: »Wann stirbt Jesse James endlich!?«
Der Film ist kein klassischer Western, bei dem der strahlende Held natürlich das Shootout gewinnt und »das Böse« aus der Stadt treibt. Es gibt keinen romantischen Ritt in den Sonnenuntergang, sondern Winter. Keine Tresenschlägereien, sondern Tränen. Keine Helden, sondern Getriebene.

 

 

John Ford: The Searchers – Ein klassischer Western?


 
ein beitrag von michael p. wagenhaeuser
 
24. September 2007
18:36 Uhr
 
1 kommentar

 

 

»Der Western muss also etwas anderes sein als seine Form. Galoppierende Pferde, Schlägereien, starke, mutige Männer in einer wilden und kargen Landschaft genügen nicht, um den Zauber des Genres zu erklären.«1 Der Form nach ist »The Searchers« folglich auf jeden Fall ein Western, da er alle von André Bazin aufgezählten Aspekte aufweist. Doch wichtige inhaltliche Elemente, die einen klassischen Western auszeichnen fehlen in »The Searchers«.

Will Wright stellt in seinem Buch »Sixguns & Society« 16 Punkte auf, die einen klassischen Western-Plot auszeichnen. Er fasst diese kurz zusammen: »All Westerns are alike. It is the story of the lone stranger who rides into a troubled town and cleans it up, winning the respect of the townsfolk and the love of the schoolmarm.«2 Bezieht man diesen stark reduzierten Satz auf »The Searchers«, so merkt man auf den ersten Blick, dass dieser Film in vielen Fällen von den Genreregeln eines klassischen Westerns abweicht.

Bereits die zweite Regel, die Wright aufstellt deckt sich nicht mit der Handlung von »The Searchers«: »2. The hero is unknown to the society«3. Die Hauptfigur Ethan trifft auf die Familie seines Bruders. Schon aus der Ferne wird er erkannt: »That‘s your uncle Ethan!« und anschließend herzlich begrüßt: »Welcome home, Ethan«. Auch viele andere Charaktere, wie etwa der Reverend und Captain Samuel Clayton oder Mose Harper, kennen Ethan bereits.

Auch die fünfte Regel »The society does not completely accept the hero«4 trifft nicht zu. Eher im Gegenteil – anfangs wird Ethan von allen herzlich empfangen und in die Gruppe des Captains aufgenommen. Mit fortschreitender Handlung verliert er jedoch zunehmend das Vertrauen seiner Mitstreiter. Die Gruppe um den Captain und Ethan löst sich auf, am Ende muss Ethan sogar seinen Revolver abgeben, da er per Haftbefehl gesucht wird. In einem klassischen Western ist der Verlauf konträr – der Held gewinnt das Vertrauen der Gesellschaft. Es stellt sich die Frage ob man Ethan als »Held« bezeichnen kann. Der typische Held hat einen Ehrenkodex, der von der Gesellschaft geteilt wird. Ethans Handlungen sind jedoch alles andere als ehrenhaft und werden von der Gesellschaft – meist vertreten durch Martin Pawley – abgelehnt. Etwa als Ethan wahllos und anscheinend im Blutrausch unzählige Büffel schießt. Seine Begründung, »at least they won‘t feed any Comanches this winter«, zeigt sein wahres Motiv auf, weshalb er sich auf die Suche nach den vermissten Mädchen Debbie und Lucy macht – er hasst Comanchen. Auch seine Vergangenheit ist nicht die eines Helden. Dass er frischgeprägte Münzen bei sich trägt, macht den Captain stutzig. Niemand weiß wo er sich die letzen zwei Jahre aufgehalten hat. Der Captain fragt ihn »Are you wanted for a crime?«, doch Ethan gibt keine Auskunft.

Anzumerken ist noch, dass John Ford die Männer nie als Helden zeigt. In den zwei Szenen, in denen die Männer das Haus der Edwards verlassen um sich auf die Suche nach den Comanchen zu begeben, reitet die Gruppe immer nach links aus dem Bild. Hätte der Regisseur diese Jagd als einen heldenhaften Aufbruch darstellen wollen, hätte er eine andere Bildsymbolik gewählt – die Männer wären nach rechts von der Ranch weggeritten.

Der Punkt 7 »The villains are stronger than the society; the society is weak«5 trifft auch nicht uneingeschränkt zu. Die Bedrohung durch die Comanches endet, da diese weiterziehen. Ethan hat zudem keine besondere Fähigkeit, die der Gesellschaft helfen würde, die Gruppe der Männer hätte eventuell auch ohne Ethan die Anwohner beschützen können. Und schließlich ist auch noch die Kavallerie anwesend. Ob die Comanchen also stärker sind kann nicht geklärt werden.

Die größte Differenz zeigt sich im Punkt 8: »There is a strong friendship or respect between the hero and a villain«6. Wie bereits erwähnt hasst Ethan die Comanches, er nimmt auf der Suche nach den entführten Mädchen nur Teil, um seinen Hass auszuleben, um zu rächen. Für Ethan sind Comanches keine Menschen: »A human rides a horse until it dies […] a comanche rides him 20 more miles and then he eats him.« Auf der Suche schießt er einem bereits toten Indianer in beide Augen, mit der Begründung, dass dieser nun im Tod keine Ruhe fände. In einer anderen Szene schießt Ethan, obwohl er von seinen Begleitern gebeten wird das Feuer einzustellen, weiterhin auf die Indianer, während diese versuchen ihre Toten zu bergen. Die Gruppe der suchenden Männer löst sich schließlich auf – sie sehen keine Chance mehr Debbie und Lucy zu finden. Ethan gibt jedoch nicht auf. Martin Pawley begleitet ihn: »I‘ve seen his eyes at the very word ‚Comanche‘ […] he‘s a man that can go crazy wild!«. Martin hat Ethans Hass erkannt und agiert als Aufpasser, als moralischer Held.

Die Beschreibung eines Western-Helden passt unter vielen Aspekten besser auf Martin. Er hat »ehrenhafte Ziele« – die Befreiung der Mädchen, er erkämpft sich den Respekt der Gesellschaft und die Liebe von Laurie Jorgensen.

Ethans Hass auf Indianer geht sogar so weit, dass er das gesuchte Mädchen Debbie erschießen will, als er entdeckt hat, dass sie durch den jahrelangen Kontakt mit den Comanchen ein Teil deren Gesellschaft geworden ist. Debbie möchte bei den Comanchen bleiben – Ethan richtet seine Waffe auf ihren Kopf, nur Martin kann sie schließlich noch retten.

Der neunte Punkt eines klassischen Westerns lautet: »The villains threaten the society«7. Dies mag im Angriff auf die Familie Edwards noch der Fall gewesen sein, Chief Scar begründet diesen Angriff damit, dass vorher zwei seiner Brüder von Weißen getötet worden seien. In der späteren Handlung ist die Gesellschaft nicht mehr durch die Comanchen bedroht, sie sind weiter gezogen. Die geplante Hochzeit von Laurie Jorgensen findet ohne Anzeichen von Bedrohung, ohne Furcht statt. Will Wrights zwölfer Punkt »The hero fights the villains«8 endet nicht in einem für Western klassischen Duell oder einem Shootout. Die Befreiung erfolgt mit Hilfe der Kavallerie, der »Bösewicht« Chief Scar ist bereits tot als Ethan dessen Zelt erreicht. Ethan kann es trotzdem nicht lassen sich zu rächen und schneidet ihm seinen Skalp ab.

Letzten Endes kann man sagen, dass es sich bei »The Searchers« mit Sicherheit nicht um einen klassischen Western handelt, da er in den meisten von Will Wright geforderten Punkten abweicht. Man kann diesen Film aber wohl als eine Weiterentwicklung des klassischen Westerns betrachten. Die Hauptfigur ist alles andere als ein Held – es gibt kein Gut und Böse.

Quellen:
1 Bazin, André (2004): Was ist Film, Seite 257
2 Wright, Will (1975): Sixguns & Society: A Structural Study of the Western, Seite 32
3 ebenda, Seite 41
4 ebenda, Seite 44
5 ebenda, Seite 45
6 ebenda, Seite 45
7 ebenda, Seite 46
8 ebenda, Seite 46